
Schwere Themen bewegen die österreichischen Filme, die heuer an prominenter Stelle in Cannes gezeigt werden. Marie Kreutzers packende Familienkonstellation „Gentle Monster“ erzählt von einem pädophilen Vater, Sandra Wollners traumtänzerisches Trauerdrama „Everytime“ verarbeitet den Verlust eines Kindes. Beide feierten Premiere in Cannes – Kreutzer im Wettbewerb um die Goldene Palme, Wollner in der renommierten Schiene „Un Certain Regard“. Aber damit hat es sich auch schon mit den Ähnlichkeiten zweier Filmemacherinnen, deren ästhetische und erzählerische Zugänge unterschiedlicher nicht sein könnten.
Sandra Wollners filmische Sensibilität ist singulär im österreichischen Kino und zeichnet sich sowohl durch formale als auch inhaltliche Radikalität aus. Die letzte Arbeit der 1983 in Leoben geborenen Regisseurin, wohnhaft in Berlin, nannte sich „The Trouble with Being Born“ (2020) und stellte einen humanoiden Kindroboter in den Mittelpunkt, dessen Maschinenkörper zur Projektionsfläche von Sehnsüchten und (inzestuösem) Begehren seiner erwachsenen Umwelt wurde. Auch ihr neuer Film „Everytime“ ist auf allen Ebenen herausragend – beginnend mit der Hauptdarstellerin: Burgschauspielerin Birgit Minichmayr spielt eine alleinerziehende Mutter namens Ella, die mit ihren zwei Töchtern Jessie und Melli in Berlin lebt. Für den kommenden Tag ist die traditionelle Urlaubsreise nach Teneriffa geplant, doch nächtens schleicht sich Jessie mit ihrem Boyfriend Lux ins Berliner Nachtleben und geht auf einen Drogentrip, den sie nicht überlebt.
Danach ist die Welt für Mutter, kleine Schwester und Freund, der sich mit Selbstvorwürfen quält, eine andere. Wie ist es aber trotzdem möglich, dass alles so weitergeht, als wäre nichts gewesen? Müsste nicht eigentlich die Sonne stillstehen?
Wollner hat die Gabe, mit ihrer Kombination von flirrenden Bildern und erratischen Sounds einen Zustand der permanenten Beunruhigung zu erzeugen, der sich beim Zuschauen auf den Körper überträgt und nicht abschütteln lässt. Mit hypnotischer Kraft wird man in das Bewusstsein von drei trauernden Menschen eingesaugt, deren Leben auf den ersten Blick wie gewohnt seinen Gang nimmt.
Ella gießt das Grab ihrer verstorbenen Tochter, Melli versinkt in die gleichen Videospiele wie ihre große Schwester und Lux hängt mit anderen Mädels ab. Schließlich beschließt Ella, mit Melli und Lux den Urlaub nachzuholen, der durch den Unfall verunmöglicht worden war.
Es ist großartig, wie Birgit Minichmayr als Ella der unerträglichen Gegenwart ihre eigene Präsenz entgegenhält. Gerade weil Wollner jeglichen Gefühlsüberschuss und offensichtliche Dramatik aus ihrer Erzählung absorbiert, verlagert sich der erlittene Verlust in tranceartige Erinnerungsbilder. In der Hotelanlage von Teneriffa beginnen sich Erzählrealitäten aufzulösen und mit Zeitreisen in die Vergangenheit – ähnlich wie in Chris Markers Fotomontage „La Jetée“ – zu verschlingen. Und dann bleibt sogar für kurze Zeit die Sonne stehen und die Welt erscheint einen Moment lang so, als wäre nie etwas gewesen. Das schafft nur das Kino.
Nazischlächter
Im bislang eher leisen Hauptwettbewerb von Cannes wird es mitunter auch mal recht laut. Richtig rumbrüllen kann Lars Eidinger als Obernazi Klaus Barbie in dem überraschend konventionellen Wettbewerbsbeitrag „Moulin“ des ungarischen Regisseurs László Nemes, dessen Auschwitz-Drama „Son of Saul“ 2015 für großes Aufsehen gesorgt hatte. Mit „Moulin“ setzt er dem französischen „Résistance“-Kämpfer Jean Moulin ein blutiges Denkmal, indem er dessen Tortur im Gestapo-Gefängnis in allen grausamen Details wenig erkenntnisreich nachzeichnet. Im Duell mit Gilles Lellouche als …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



