Irans Nationalteam in Katar: Blutiges Ende einer Liebesbeziehung

Sport

Das „Team Melli“ einte einst das Volk. Heute werden auf der Straße seine Bilder verbrannt. Wie die Fußballer ihre Landsleute, die sich gegen das Regime wehren, im Stich ließen.

Dass sich Alireza Biranvand und Roozbe Cheshmi vor Präsident Ebrahim Raisi verneigten, war eindeutig zu viel. Die vom Nationalteam angenommene Einladung bei der Person, die als Staatschef für Leid und Unterdrückung der iranischen Bevölkerung letztverantwortlich ist, war für viele das endgültige Ende einer großen Liebesbeziehung. 

Das iranische Fußball-Nationalteam, „Team Melli“ genannt, galt einst als der Stolz des iranischen Volkes. Es  hatte bis dahin die unterschiedlichsten  Bevölkerungsgruppen und Ethnien im Iran miteinander verbunden. Ihm gehörten die Herzen vieler Iraner und Iranerinnen. Vergangene Woche aber brannten Plakate der Nationalelf bei den Aufständen gegen das iranische Regime. Das mit den Herzen scheint Vergangenheit zu sein. 

Die Fußballstars hatten sich in den Augen der seit Wochen demonstrierenden Bürger mit dem Besuch im Präsidentenpalast gegen das Volk entschieden. Das Symbol dafür hielt Präsident Raisi bei dem Treffen selbst in der Hand: ein Teamdress mit der Nummer 12. Nicht mehr das Volk sei der „Zwölfte Mann“, sondern der Präsident. 

Zum sechsten Mal ist der Iran für eine WM-Endrunde der Männer qualifiziert. Internationale und iranische Aktivisten hatten wegen Menschenrechtsverletzungen vor wenigen Wochen noch den Ausschluss vom Turnier  gefordert. Doch die FIFA blieb stumm. Stattdessen schrieb sie einen offenen Brief an alle Teilnehmer-Verbände, sich während des Turniers in Katar auf den Fußball, statt auf Politisches zu konzentrieren.

Alle Augen waren gespannt auf die Nationalmannschaft gerichtet. Würden sich die Sporthelden, so wie viele andere bekannte Persönlichkeiten, für die Proteste einsetzen? Zunächst war die Hoffnung groß: Stürmerstar Sardar Azmoun von Bayer Leverkusen hatte sich im Rahmen eines Trainingslagers in der Nähe von Wien via Social Media an die Öffentlichkeit  gewagt. „Ich kann das Schweigen nicht mehr ertragen“, schrieb er. Sein Profilbild stellte er schwarz und kritisierte Regierung und Sicherheitsdienste. Der Preis für seinen Protest (der mögliche Verlust seines Platzes im Nationalteam) sei ein kleiner gegen den, den die  Demonstrantinnen in der Heimat Tag für Tag zahlen müssten, so der Deutschland-Legionär. 

  Gruppensieg statt Fairplay-Pokal

Zwar folgten ihm einige Mitspieler, allerdings eher halbherzig. Auch etwa Feyenoord-Spieler Alireza Jahanbakhsh. Viele gingen nicht weiter als das schwarze Profilbild. 

Der Grund: Angst. Regimegegner und deren Familienmitglieder sind bis dato zu Zigtausenden verhaftet worden. Ihnen droht die Todesstrafe. Wer im Iran lebt oder Verwandte dort hat, muss mit Kritik vorsichtig sein. Am Trainingslager in Österreich waren ständig Mitarbeiter der Botschaft an der Seite der Sportler. Auch an der Seite des Teams in Katar vermuten Insider die Anwesenheit von Geheimdienst- und Sicherheitsdienst-Mitarbeiter. 

REUTERS/SUHAIB SALEM

Alireza Jahanbakhsh bei einer Pressekonferenz: „Eure Fragen bringen nur Unruhe ins Team“

Die Nationalspieler Aref Gholami und Sorush Rafiei, die beide in Teheran spielen, haben sich auch für das Volk ausgesprochen – die Konsequenz: Sie wurden nicht in den Kader der WM einberufen. Rafiei wurde in Teheran kürzlich verhaftet, weil er einer Demonstrantin half.

Teure Autos

Ob den Spielern der Nationalmannschaft offen gedroht wurde, ist nicht bekannt. Mit  großzügigen finanziellen Zuwendungen (die Spieler sollen teure Autos geschenkt bekommen haben) versucht das Regime aber offenbar, letzte Zweifel zu beseitigen.

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Source:: Kurier.at – Sport

      

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