Trainer nach dem Spiel: Was Ingolitsch von Kühbauer lernen kann

Sport

94. Minute, Abpfiff. Der Puls ist noch auf 180. 

Die Tabellenführung ist weg, weil individuelle Fehler das Spiel entschieden haben. Jetzt warten die Mikrofone. In genau diesem Moment zeigt sich, wie ein Trainer Führung anlegt. Es geht jetzt nicht mehr um die Taktik auf dem Rasen, sondern darum, die öffentliche Wahrnehmung geschickt zu steuern. Jedes Wort vor der Kamera ist auch eine Botschaft an die Kabine. In der österreichischen Bundesliga prallen derzeit zwei Welten aufeinander.

Der Blitzableiter

Didi Kühbauer ist ein Meister darin, den Fokus wegzuschieben. In kritischen Momenten erklärt er den Schiedsrichter, den VAR oder – wie bei Maximilian Senft – den gegnerischen Trainer zum Hauptdarsteller. Selbst in schwierigen Situationen bleibt er seiner Linie treu: Er redet nicht öffentlich über Fehler einzelner Spieler. Seine Ansage „Die Mannschaft ist mir wichtiger als ihr (Medien)“ ist der ultimative „Wir-gegen-alle“-Modus. Er macht sich zum Blitzableiter, damit seine Spieler im geschützten Bereich weiterarbeiten können.

Die brutale Transparenz

Am anderen Ende steht Fabio Ingolitsch. Er wählt die brutale Transparenz. Wenn er erklärt, die Mannschaft habe „alles vermissen lassen“ oder sei eigenmächtig „vom Plan abgewichen“, nutzt er die Öffentlichkeit als verlängerten Arm seiner Kabinenansprache. Mit Sätzen wie „wir müssen herausfinden, welche Spieler die richtigen sind“, stellt er öffentlich die Charakterfrage. Im modernen Geschäft ist das hochriskant. Öffentliche Kritik wird heute oft als Vertrauensbruch wahrgenommen. Wer den Kader so anzählt, riskiert, dass die Spieler irgendwann dichtmachen.

Wie lösen das Toptrainer? 

Pep Guardiola übernimmt bei Niederlagen demonstrativ die volle Verantwortung („Mein Fehler“), um den Druck von den Spielern zu nehmen. 

  Spaniens neuer Jungstar: Der „amerikanische“ Rafa

Auch Jürgen Klopp wusste, dass Spieler nach einem Patzer Rückendeckung brauchen statt öffentlicher Kritik. Dafür gingen sie für ihn durchs Feuer. 

Das Gegenbeispiel ist José Mourinho. Er zögert nicht, Spieler öffentlich die Qualität abzusprechen. Er kann sich diesen riskanten Stil nur leisten, weil sein Status als Seriensieger mit unzähligen Titeln ihn schützt. Bei anderen führt dieser Weg zum Bruch.

Doch in der Branche wird öffentliche Kritik oft als bewusster Reiz genutzt. Man will eine Reaktion der Mannschaft erzwingen. Oft ist es aber schlicht der Versuch, die eigene Autorität zu retten, indem man sich von der Leistung distanziert: Die Idee war gut, die Umsetzung durch die Spieler mangelhaft. Es ist auch Signal an Präsident oder Sportdirektor: „Ich habe alles im Griff, ich erkenne die Defizite.“

Es gibt unterschiedliche Wege zum Ziel. Ingolitsch nutzt die öffentliche Reibung als Hebel für Entwicklung, Kühbauer setzt auf Loyalität. Meine Überzeugung ist: Auf der Zielgeraden zum Titel ist die externe und mediale Loyalität der entscheidende Faktor. Spitzenleistung braucht Vertrauen. Nur wer vor dem Mikrofon als Schutzschild agiert, bringt seine Spieler dazu, für ihn durchs Feuer zu gehen.

Dominik Thalhammer, ehemaliger Frauen-Teamchef und Leiter der ÖFB-Trainerausbildung, analysiert aktuelle Fußballthemen für den KURIER.

…read more

Source:: Kurier.at – Sport

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.