
Claudia L. war überrascht, als am 16. April um 08.10 Uhr Beamte des Bundeskriminalamts, Soko Signa, an ihrer Haustür in Ybbs klingelten. Laut Aktenlage hat an besagter Adresse der frühere Bundeskanzler Alfred Gusenbauer seinen Hauptwohnsitz.
„Mein Onkel, Alfred Gusenbauer, war hier nie aufhältig. Er war das letzte Mal im Dezember 2020 kurz bei uns zu Besuch“, sagte die Nichte aus. Früher war er bei seiner Mutter in Ybbs gemeldet, als diese im Herbst 2025 ins Altersheim kam, habe er die Nichte gebeten, „ob er sich bei uns melden darf“. „Aufgrund dessen gab es eine kleine Diskussion, da mein Mann und ich nicht einverstanden waren. Wir wollten diesbezüglich keine Probleme haben“, gab die Nichte zu Protokoll. „Außerdem hat mein Mann als Unterkunftsgeber nie den Meldezettel unterschrieben. Wir wussten aber schon, dass er seit Oktober 2025 hier seinen Hauptwohnsitz gemeldet hatte.“
Vierzig Minuten nach Beginn der Durchsuchung zogen die Ermittler wieder ab. Es wurde nichts beschlagnahmt. Anders war es an Gusenbauers Wiener Adresse. Hier wurden zwei Aktenmappen, ein iPad und ein USB-Stick sichergestellt. Elf Tage später wurde an einer Wiener Büro-Adresse Gusenbauers ein beschädigtes iPhone 11 Pro sichergestellt.
Aufklärung angekündigt
Laut Aktenlage wird seit Mitte November 2025 von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft gegen den 66-jährigen Ex-Politiker und den ehemaligen deutschen Signa-Vorstand Timo H. ermittelt. Im Zentrum steht eine „Abschlagszahlung auf die Erfolgsbeteiligung“ in Höhe von 6,4 Millionen Euro von der Signa Prime Selection AG, die im November 2022 an H. überwiesen wurde. Hinzu kommen weitere 3,6 Millionen Euro von der Schwestergesellschaft Signa Development Selection AG – insgesamt also zehn Millionen Euro, die nun im Fokus strafrechtlicher Ermittlungen stehen. Der Vorwurf lautet auf Untreue.
„Dr. Gusenbauer weist die Vorwürfe zurück“, heißt es in einer früheren Stellungnahme seines Anwalts Rüdiger Schender. „Er geht davon aus, die gegen ihn gerichtete Verdachtslage zeitnah aufklären zu können.“ Auch H. bestreitet die Vorwürfe.
Handelsgericht
Ausschlaggebend für die späten Hausdurchsuchungen dürfte ein Zivilprozess vor dem Wiener Handelsgericht des Signa-Prime-Insolvenzverwalters gegen Timo H. gewesen sein.
Die Ermittler haben vor den Durchsuchungen die Protokolle eines Zivilprozesses vor dem Wiener Handelsgericht ausgewertet, in dem Timo H. auf Rückzahlung der Millionen von den Insolvenzverwaltern geklagt wurde, sogenannter Nebenintervenient ist Alfred Gusenbauer. Die Analyse der Soko Signa umfasst 62 Seiten.
Die Auswertung
In seiner Einvernahme am 17. März 2026 legte Gusenbauer vor dem Handelsgericht offen, wie es zu der umstrittenen Transaktion kam. H. sei im Jahr 2022 an ihn herangetreten, weil er liquide Mittel benötigte – angeblich für eine Beteiligung an der Signa Holding, zu der er von René Benko eingeladen worden war. Die Idee: Statt der vertraglich vereinbarten Erfolgsbeteiligung nach Projektabschluss sollte H. eine vorzeitige, aber betragsmäßig reduzierte Abschlagszahlung erhalten. Der Beklagte Timo H. war angeblich daran interessiert, Beteiligungen rascher zu realisieren.
Im Zuge dieser Gespräche soll es Gusenbauer gelungen sein, die Erfolgsbeteiligung des H., von brutto 54,2 Millionen Euro auf 12,57 Millionen Euro zu reduzieren. „Aus diesem Grund sei diese Vereinbarung auch im Interesse des Unternehmens gewesen, da die Zahlung dann deutlich geringer gewesen wäre als der Erfolgsertrag am Ende des Projektes“, rechtfertigte sich Gusenbauer vor Gericht. Er soll aber ohne die erforderliche …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



