
Die Pharmaindustrie ist im Wandel. 46 neue Arzneimittel mit ebenso vielen neuen Wirkstoffen sind 2025 auf den europäischen Markt gekommen. Das ist die zweitbeste Bilanz der vergangenen zehn Jahre. Doch innerhalb der Branche gibt es nicht nur Grund zur Freude: Denn die Forschung wandert schon seit Jahren immer mehr ab und wird von den großen Pharmaunternehmen nach Übersee verlegt.
1990 entfielen knapp 40 Prozent der weltweiten Forschungsausgaben auf Europa, aktuell sind es nur noch 21 Prozent, so die Zahlen der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) und des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI). China hingegen konnte seinen Anteil auf 44 Prozent erhöhen, die USA liegen bei 29 Prozent.
FOPI-Präsidentin Ute Van Goethem warnt im Gespräch mit dem KURIER vor dieser Entwicklung. Vor allem der Rückgang an klinischen Studien bereitet der Expertin Sorgen. Der Anteil der EU an allen globalen Studien verringerte sich zwischen 2013 und 2023 von 18 auf 9 Prozent. „In dieser Zeit blieb es 60.000 Patienten in Europa verwehrt, an klinischen Studien teilzunehmen und damit frühzeitig von neuen Medikamenten zu profitieren“, erläutert Van Goethem.
Die Zahl der klinischen Studien brach nach der Coronapandemie ein
In Österreich brach die Anzahl klinischer Studien nach der Coronapandemie um 28 Prozent ein, erst im Vorjahr gab es mit 226 Studien wieder einen leichten Aufwärtstrend. Von klinischen Studien würden nicht nur Patienten und Ärzte profitieren, weil sie früheren Zugang zu neuen Arzneien erhielten, sondern das gesamte Gesundheitssystem und die Volkswirtschaft, so die FOPI-Chefin.
Laut einer Analyse der Johannes-Kepler-Universität Linz generieren 5,9 Mrd. Euro an Investitionen in den Gesundheits- und Pflegebereich bis 2030 einen gesellschaftlichen Mehrwert von 7,1 Mrd. Euro. Es gelte daher, mit attraktiveren Rahmenbedingungen klinische Forschung nach Österreich zu bringen.
Auch der Politik ist das Problem bekannt. Im Jänner beschloss der Ministerrat die Industriestrategie Österreich 2035 mit dem Ziel, die Deindustrialisierung zu stoppen und Österreich bis 2035 unter die zehn wettbewerbsfähigsten OECD-Länder zu führen. Dafür wurden neun Schlüsseltechnologien definiert. Für Investitionen in diese Bereiche wird ein Gesamtfördervolumen von 2,6 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Unter anderem auch die sogenannten „Life Sciences“, zu denen die Medizin und die Pharmazie gehören.
Das Risiko von Medikamentenengpässen in der Krise ist groß
Mario Haller, Geschäftsführer des Pharmaunternehmens Eli Lilly Österreich, begrüßt das Vorhaben der Regierung. „Es geht darum, hier ein Umfeld zu schaffen, das diese Industrie fördert, damit mehr Innovation nach Österreich kommt“, sagt er dem KURIER. Dabei gehe es etwa um den möglichst schnellen Marktzugang von innovativen Wirkstoffen.
Es gebe einige Unternehmen, die Medikamente in Österreich produzieren. „Das Ziel muss sein, dass diese nicht abwandern, sondern dass sie weiter hier produzieren und für das System eine gewisse Resilienz schaffen.“ Die Coronapandemie hätte gezeigt, wie groß das Risiko von Medikamentenengpässen ist, mahnt Haller. Er vergleicht die Resilienz im Gesundheitssystem mit der im Verteidigungsbereich. „Wir müssen uns als Europa auf unsere Stärken besinnen und selbst etwas aufbauen. Durch die richtigen Maßnahmen können wir resilient werden.“
Die EU nimmt sich dem Kampf gegen Engpässe bei lebenswichtiger Arznei an
Um Resilienz ging es auch bei der Einigung der EU-Unterhändler im vergangenen Mai. Im Kampf gegen Engpässe …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



