
Es gibt diesen jüdischen Witz: Was, wenn man zum Psychotherapeuten geht, ihm sein Leben erzählt und er in Tränen ausbricht?
Regisseurin Rebecca Zlotowski ließ sich von diesem kuriosen Szenario inspirieren, setzte Jodie Foster in den Sessel der Psychoanalytikerin und nannte sie Lillian Steiner. Während die Patienten bei ihr auf der Couch liegen und ihre Dramen berichten, rinnen Lilian Steiner beim Zuhören die Tränen über die Wangen. Und sie kann nichts dagegen tun.
„Ich weine nicht, sondern meine Augen“, erklärt sie ihrem Ex-Mann, der von Beruf Augenarzt ist und ihr Tropfen verschreibt. Natürlich haben sie keinerlei Wirkung und das Augenwasser fließt ungebremst weiter.
Ob es vielleicht doch daran liegt, dass eine ihrer Patientinnen völlig überraschend Selbstmord begangen hat? Und sie, die professionelle Analytikerin, über den Verlust trauert, ohne ihn sich einzugestehen?
„Vie Privée“ – „Privatleben“ nannte Zlotowski ihre Dramedy, die im deutschen Verleihtitel „Paris Murder Mystery“ an einen Woody-Allen-Film erinnert. Jodie Foster als Lilian spielt darin eine Amerikanerin in Paris und spricht im Originalton fließend Französisch. Nachdem sie vom Tod ihrer Patientin erfahren hat, besucht sie die jüdische Totenwache, wird aber vom aufgebrachten Ehemann aus der Wohnung geworfen – mit der Begründung, sie sei für den Tod der Frau verantwortlich.
Lilian ist außer sich. Warum hat sie nichts von den Selbstmordgedanken ihrer Patientin mitbekommen? Was hat sie während der Gesprächstherapie überhört?
Fieberhaft durchsucht sie ihr Tonbandarchiv, wo sie alle Patientengespräche aufgezeichnet und aufbewahrt hat. Als in ihre Wohnung eingebrochen und die besagte Kassette gestohlen wird, ist sie überzeugt: Es handelt sich um Mord. Doch wer war es? Die hochschwangere Tochter der Toten? Der aggressive Ehemann?
Nazi-Zeitreise
Das Vergnügen beim Ansehen von „Paris Murder Mystery“ liegt in dem beschwingten Genre-Mix, den Rebecca Zlotowski aus dem Bauchladen ihrer eigenen Cinephilie hervorkramt und fröhlich verteilt. Gut gelaunt vermischt sie ihren Psychothriller (Hitchcock lässt grüßen!) mit Elementen aus der Wiederverheiratungskomödie und changiert in ihrer Erzähltonart leichthändig zwischen Komik und Dramatik.
In einer rätselhaften Szene lässt sich Lilian hypnotisieren und steigt in die blutroten Tiefen ihres eigenen Unbewussten ab – direkt ins Paris während der Nazi-Besatzung. Je nach Gemütslage kann man sich die düsteren Themen zu Herzen nehmen oder sich einfach vom beschwingten, amerikanisch-französischen Star-Ensemble im gepflegten Pariser-Altbau-Setting mitreißen lassen.
Jodie Foster als eisgekühlte Analytikerin, deren harte Schale sich nach und nach im Tauwetter auflöst, ist ohnehin absolut sehenswert. Zlotowski hat sie mit heimischem Promi-Aufgebot umzingelt: Daniel Auteuil als entspannter Ex-Ehemann Gabriel nimmt erfreut an der vermeintlichen Mördersuche teil, während Mathieu Amalric als dubioser Witwer eine akrobatische Sexszene hinlegt, die Gabriel zu der alarmierten Frage verleitet: „Wie alt ist der Mann?“ Am Ende haben alle etwas gelernt, vor allem Lilian Steiner: Besser zuhören. Das hilft immer.
INFO: . F 2025. 107 Min. Von Rebecca Zlotowski. Mit Jodie Foster, Daniel Auteuil.
Source:: Kurier.at – Kultur



