
Sie erregten Aufsehen mit einem spektakulär inszenierten Lichtbildervortrag: „Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“.
Rund 90.000 Menschen besuchten 344 Aufführungen ab 1905 in der Wiener Urania (damals noch in der Wollzeile 34, im heutigen Kabarett Simpl). Die mit 108 drastischen, großformatig projizierten Fotos illustrierte Sozialreportage des jungen Journalisten Emil Kläger und des Amateurfotografen Hermann Drawe über die Ärmsten der Gesellschaft war als Live-Event ein Hit.
Es folgten eine Fotoausstellung, eine Buchveröffentlichung in einer Riesenauflage und 1920 sogar ein Film mit Stars des Burgtheaters: „Soziales Filmdrama aus dem Jenseits der Gesellschaft“.
„Griasler“ in der Kanalisation
Das Thema waren die Schattenseiten der Industrialisierung, als Menschen – „die Griasler“, wie sich Sandler damals nannten – in trostlosen Schlafquartieren in der Kanalisation, in den Ziegelöfen und in Massenunterkünften hausten.
Von der seinerzeitigen Faszination des Elends erzählt nun die Ausstellung „Sozialreportage als Medienspektakel“ im Photoinstitut Bonartes u. a. mit Originalfotografien und Zeitungsartikeln (bis 17.7., bonartes.org).
„Den Christlichsozialen unter Bürgermeister Karl Lueger gefiel das gar nicht“, sagt Kurator Michael Ponstingl. „Sie fürchteten um den Ruf der Stadt. So gab es Zensur: Heikle Passagen wurden gestrichen und die Zustände in anderen Metropolen als viel gravierender dargestellt. Und Aufführungen außerhalb von Wien waren verboten.“
Beim Publikum am besten angekommen sind die Fotos aus den Kanälen, die erst um 1900 gebaut worden waren. Ponstingl: „In der Buchausgabe wird nicht das Proletariat, sondern ein Subproletariat porträtiert, obdachlose Tagelöhner, keiner der damals 60.000 Bettgeher, die immerhin einen Heimatschein sprich die notwendige Aufenthaltsgenehmigung hatten.“
Die ungeschönten Bilder von Menschen, die am Rand der Gesellschaft in katastrophalen Verhältnissen ein beschwerliches Leben ohne Aussicht auf Besserung führten, haben von ihrer Eindringlichkeit bis heute nichts verloren.
Source:: Kurier.at – Kultur



