
Irgendwann mittendrin singt Miranda (Zhaklin Daskalova) Lou Reeds „Perfect Day“, und okay, dann ist man halt endgültig gerührt. Man hat ja eh schon längst in diese Richtung Anlauf genommen, bei diesem Festwochen-Abend im Burgtheater.
Da war er noch einmal, der große Theatermagier Robert Wilson. Der im Vorjahr verstorbene Regisseur ist einer der ersten, die einem in den Sinn kommen, denkt man darüber nach, was die Wiener Festwochen waren, sein können – und an solchen Abenden sind.
Posthum ist nun seine „Tempest“-Inszenierung zu sehen, die er 2021 am bulgarischen Nationaltheater in Sofia erarbeitete. Ein Theater aus Licht und Schatten, aus Pose und Posse, aus Sprache und einer berückenden Leere, die all die bescheuerte Aufgeregtheit beiseite räumt und Platz macht fürs Fühlen.
Reif für die karge Insel
Wilson stellt seine Shakespearefiguren in einer Art Harlekin- und Märchenfantasie auf die Bühne. Karg ist, natürlich, die Insel, aus der der Magier Prospero eine ganze Welt hervorzaubert, überreich in Mimik und Gestik aber gibt sich das Personal.
Das Ganze hebt mit einem Bewegungszirkus an, von links nach rechts hüpfen, kriechen, tänzeln Prospero, Ariel, Caliban und die anderen über die Bühne, unterbrochen von wiederholten absurden Gesten und Posen und lustigen Lauten. Immer schneller wird das durchgespielt, bis man im Wuselchaos endet. Das gibt es auch beim Schiffsuntergang: Vasilena Vincenzo als engelbeflügelter Ariel bringt die Mailänder Königsbande allein mit luftigen Armbewegungen zum Taumeln, Stürzen, Untergehen.
Ab da aber dann ist Ruhe, man sieht das Licht: Veselin Mezekliev knurrt als Prospero den Satz mit dem Stoff und den Träumen, und man braucht gar nicht an das horrible Entstehungsjahr der Inszenierung und seine blöde Pandemie denken, um hier den Schlaf zu spüren, der das kleine Leben umgibt.
Es geht rundherum durchgängig mehr um Konstellation als um Konflikt: Prospero sinniert dem Hass höchstens noch nach, der ihn irgendwann einmal zu Rachegelüsten an Alonso (Stoyan Pepelanov) getrieben hatte; nichts davon aber hat mehr Bedeutung.
Aus der Ferne schaut der Magier auf seiner Insel noch einmal zu, wie das einst so war mit dem Zorn. Mit müder Macht beherrscht er den Gollum-haften Caliban (Yavor Valkanov), im monotonen Papatonfall grummelt er die schräge Sprechhymne auf das Hymen in Richtung Miranda und Ferdinand (Plamen Dimov), als die längst schon so richtig fix zusammen sind.
Es ist an diesem Abend im Burgtheater die Melancholie des Theaterwollens spürbar: Was taten wir hier eigentlich, wozu stellten wir uns einst auf dieser Bühne auf, um vom Leben zu träumen, für die paar Minuten, die wir dafür Zeit bekommen? Was war er nochmal, dieser „perfekte Tag“, auf den wir gemeinsam hinhofften?
In der abstrakten Geordnetheit der Wilson-Bühne wird es also noch einmal eingehegt, das brodelnde Menschsein. Am Schluss dreht sich Daskalova freudestrahlend mit dem Handy in der Hand auf der Burgtheaterbühne, ein Videoselfie schießend von jenem Moment, an dem man gestärkt und gerührt aus diesem gemeinsamen Traum wieder aufwacht. Es war kein perfekter Abend, aber jener Stoff, aus dem die Festwochen-Träume waren.
Source:: Kurier.at – Kultur



