
Ein Bestseller über einen deutschen Glasmacher aus dem 17. Jahrhundert? Florian Illies wird auch das gelingen.
Der Autor, Verleger und Ausstellungskurator schreibt und spricht über Kunst in einer Sprache, die viele verstehen. Seit seinem Welterfolg „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ gelingt Florian Illies ein Bestseller nach dem anderen. Seine Bücher über Thomas Mann, Caspar David Friedrich oder über große Liebespaare der Kulturgeschichte („Liebe in Zeiten des Hasses“) haben sich millionenfach verkauft.
Man ist versucht, zu sagen: Es scheint, als würde in den Händen des 55-Jährigen alles zu Gold. Genau davon erzählt sein neues Buch.
„Träume aus Feuer“ berichtet von einer Zeit, die geprägt war von der Suche nach dem sogenannten Stein der Weisen, der unedle Metalle in Gold verwandeln konnte. Viele europäische Fürstenhöfe beschäftigten im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit Alchemisten, um diesen Traum zu verwirklichen.
Der Traum vom Gold
Der Chemiker Johannes Kunckel (1635–1703) kam dem Traum der Golderzeugung immerhin nahe. Für seinen Auftraggeber Friedrich Wilhelm von Brandenburg, genannt der „Große Kurfürst“ (1620 bis 1688), stellte Kunckel strahlendes Goldrubinglas her, im 17. Jahrhundert ein europaweit bekanntes Luxusgut, das für Brandenburg ein Export-Schlager wurde. Kunckel verfasste mit dem Buch „Ars Vitraria Experimentalis oder vollkommene Glasmacher-Kunst“ ein Standardwerk der Glasherstellung. Das Geheimnis, wie er sein Goldrubinglas herstellte, verriet er darin nicht. Ebenso wenig, ob er sich bei den Glasmachern von Murano inspirieren ließ.
Der studierte Kunsthistoriker Florian Illies hat sich für sein neues Buch mit der Biografie Kunckels und dessen Forschungsstätte, der Berliner Pfaueninsel, auseinandergesetzt. Entstanden ist ein Buch, dass sich leicht liest und Spannung bietet. Denn Kunckel hatte wegen seines Erfolgs auch Feinde – nicht zuletzt am Hof des Kurfürsten.
Nicht nur Wissenschafts- und Kunstgeschichte, auch ein bisher wenig beleuchtetes Kapitel deutscher Kolonialvergangenheit wird hier aufgeschlagen: Illies berichtet davon, dass der Kurfürst bei seinem Alchemisten unter anderem sogenannte „Korallen“ anfertigen ließ – farbige, allerdings wertlose Glasperlen, die in den brandenburgischen Kolonien Afrikas gegen wertvolle, in Europa begehrte Waren eingetauscht wurden.
KURIER: Sie sind dem Alchemisten Johannes Kunckel schon im Studium begegnet. Was gab den Ausschlag, ein Buch über ihn schreiben?
Florian Illies: Ich fand seine Geschichte immer interessant. Als ich Jahre nach dem Studium die Berliner Pfaueninsel besuchte, war ich fasziniert. Dazu kommt, dass ich selbst aus einer Alchemistenfamilie stamme. Johann Conrad Dippel, ein direkter Vorfahre meiner Mutter, war Alchemist am Hofe des Sohnes des Kurfürsten von Berlin. Er ist aber wegen etwas ganz anderem berühmt geworden. Weil er nämlich auf Burg Frankenstein geboren ist. Als die Schriftstellerin Mary Shelley durch Deutschland reiste, wurden ihr wilde Geschichten von dieser Burg erzählt. Dippel wurde also die historische Inspiration für Shelleys Frankenstein. Aber eigentlich war Herr Dippel genau wie Johann Kunckel Chemiker, der Farben entwickelte. Er hat das Berliner Blau erfunden. Weil ich wusste, dass es in unserer Familie einen Alchemisten gab, hat mich Kunckels Geschichte an der Schwelle von Magie, Zauberei und Naturwissenschaften so besonders fasziniert.
Kunckel war Wissenschafter, der gegen den Aberglauben kämpfte. Das ist offenbar eine ewige Geschichte.
Kunckel war sich völlig bewusst, dass er kein Gold herstellen kann. Die Herrschenden waren die größeren Träumer als die Alchemisten, die …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



