
George Orwells Roman „1984“ war prophetisch. Zumindest wenn man die Verhältnisse 42 Jahre nach dem von Orwell angesetzten Datum betrachtet – also heute. Bildschirme, die uns beobachten – hat jeder, der ein Handy hat und gewisse Apps, die sich merken, was einem so gefällt und Werbung danach „personalisieren“.
Der Wahlspruch der autoritären Partei „Freiheit ist Sklaverei“? Erinnert an eins der provokanten Mottos des Tech-Milliardärs Peter Thiel, „Demokratie ist der Feind der Freiheit“. Oder der Leitgedanke der Big-Brother-Organisation „Unwissenheit ist Macht“? Fake News sind heute zu einem gefährlichen politischen Instrument geworden. Natürlich – wir, zumindest hierzulande, leben nicht unter einem autoritären Terrorregime. Die Handys kann man abschalten, die Datenschutzeinstellungen kann man ändern. Noch. Und doch ist es atemberaubend, wieviel Heute man in Orwells „1984“ entdecken kann. Daraus hätte man viel machen können. Autor Jérôme Junod hat sich für die Sommerspiele Melk bei „Das Ministerium der Wahrheit“ aber dafür entschieden, eine blasse und harmlose Umerzählung des Originalstoffs zu gestalten.
Saat der Skepsis
Die Hauptfigur ist nun eine Frau, Nora (Isabella Knöll). Sie arbeitet in einem der Kanäle, die die Menschen auf Schiene bringen und das „System“ erhalten. In ihr ist schon eine Saat der Skepsis gestreut, durch den Nachbarn Joseph (Giuseppe Rizzo), der später abgeholt und „ausradiert“ wird. Nora wird befördert, sie lernt Liah (Christina Scherrer) kennen und beginnt eine Affäre. Liah hat zwar revolutionäre Ansätze – sie bringt zum Treffen etwa eine lang vergessene Speise namens Praline, sie sagt, sie schmeckt wie „Systemzersetzung“. Aber für sie ist das eher ein Spiel. Liah ist geschickt im Sich-Herausreden, rettet sich einmal gegenüber einem schlagwortschleuderndem Wachmann, in dem sie neue absurde Aufsichtsämter erfindet. Die Taktik nutzt auch Nora gegenüber dem omnipräsenten eifrigen Systempolizist (Aaron Karl).
Schließlich werden Nora und Liah von der doch nicht so treuherzigen Kollegin aus dem Kanal „Ertüchtigung“ (Doris Hindinger) verraten und von Fräulein Hellbrunner (Sonja Romei) in die Falle gelockt, die direkt in den Folterkeller des „Ministeriums der Liebe“ führt. Die „Behandlung“ mit „Kanalkonzentrat“ dort führt Noras Partner Wenzel (Thomas Frank) durch, der ihr immer gesagt hat, er hätte einen Bürojob. Am Ende ist er tot und sie „umgedreht“.
Säuselige Volkslieder
In Alexander Hauers Inszenierung begleitet ein Chor (Konzertchor Niederösterreich) das Geschehen, manchmal mit säuseligen Volksliedern, manchmal mit Kakophonie. Das ist stimmig, auch das Bühnenbild mit seiner Käfiganmutung passt. Grau und schwarz sind die fast modischen Kostüme, der einzige Farbklecks ist hier das gelbe Barockstift im Hintergrund. All das und das spielfreudige Ensemble täuschen aber leider nicht darüber hinweg, dass bei diesem Stoff zu dieser Zeit sehr viel mehr möglich gewesen wäre.
Source:: Kurier.at – Kultur



