
Von Susanne Zobl
Die im voraus versendete Email des Stadttheaters Baden, man solle am Premierentag nach Möglichkeit nicht mit dem Auto anreisen, hätte man als Warnung verstehen sollen. Als Grund wurde „Baden in Weiß“ angegeben. Warum ausgerechnet während eines Stadtfests „Der Vogelhändler“ die Saison in der Sommerarena eröffnen musste, ist ein Rätsel.
Disco im Jugendstilbau
Vor 120 Jahren wurde der Jugendstilbau im Kurpark Theater eröffnet. Das Besondere ist das Glasschiebedach, das bei sommerlicher Witterung geöffnet wird. Klar, dass der Disco-Sound vom Fest im Park im Theater deutlich zu hören war, was in manchen Szenen jedoch kein Schaden war.
Michael Lakner, der in den Jahren seiner Badener Intendanz das Genre Operette gepflegt hatte, musste die Inszenierung nach einem Unfall abgeben. Dem Programm zufolge stammt von ihm die „Konzeptidee“.
Was davon in der Bearbeitung des Choreographen Francesc Abós und Barbara Spitzer geblieben ist, wird nicht angegeben. Vermutlich die Bilderbuch-Idylle auf der Bühne (Stephan Prattes), die das Geschehen nach Baden holt. Gespielt wird in historisierenden Kostümen (Friederike Friedrich) auf einer hügeligen Blumenwiese. Das Not-Regie-Duo gibt an, man hätte herausfinden wollen, was dieses Stück heute noch mit uns zu tun habe. Das braucht viel zu lang, Lösung gibt es keine, vielmehr vergebliche Versuche, die Geschichte über Eifersucht, Machtmissbrauch und Standesdünkel verständlich zu machen.
Influencer
Das beginnt mit zwei „Gesellschaftsreporterinnen“, die wie Influencerinnen mit Smartphones das Geschehen erklären. Ihre Ausführungen klingen nach „Operette für Dummies“. Besser hätte man den Beruf der Titelfigur hinterfragt. In einem Moment lässt Arina Schirasi-Fard aber doch aufhorchen. Wenn sie den Vorhang öffnet und über das Orchester staunt.
Das bekommt eine andere Bedeutung, wenn man bedenkt, dass diesem Klangkörper die Auflösung droht. An die Folgen für das Haus will man nicht denken, denn das Orchester ist vielleicht eines der letzten, das noch Operette spielen kann, auch unter schlechtesten Bedingungen, wie hier vom hinteren Bühnenbereich und gegen den Lärm von außen.
Den hätte man sich bei Auftritten von Natalia Ushakova noch lauter gewünscht. Ihr schwerer dramatischer Sopran, der jeden schönen Ton ausspart, ist alles andere als eine Operettenstimme, was mit einem Buhruf kommentiert wird. Clemens Kerschbaumer setzt sich als Adam vokal eindrucksvoll in Szene. Lichtblick ist Verena Tranker als betörende Christl von der Post. Ihr Sopran klingt in allen Lagen schön, ihr vokaler Ausdruck verschmilzt mit ihrer Spiellust.
Oliver Baier wird als Adelaide zurecht akklamiert. Tenor Ricardo Frenzel Baudisch gefällt als quirliger Stanislaus. Andreas Lichtenberger (Weps) und Beppo Binder (Stadtrat) ergänzen komödiantisch. Der Chor ist oft kaum zu verstehen, die Stimmen klingen ausgewogen. Das Premierenpublikum hatte keinen Einwand.
Source:: Kurier.at – Kultur



