„Der Geizige“ in Haag: Große Komödienkunst mit Wind, Wasser und Nebel

Kultur

Ein deutscher Großregisseur inszeniert zum zweiten Mal hintereinander beim Theatersommer in Stadt Haag. Da wächst scheinbar etwas zusammen mit Leander Haußmann und dem Mostviertel. Nach „Die eingebildete Kranke“ mit Ursula Strauss wird heuer erneut Molière gegeben – und mit „Der Geizige“ dessen wohl griffigstes Stück. Erneut verkörpert eine Frau die Titelfigur. Ob Gerti Drassl den  Harpagon als Frau oder als Mann spielt, darf man sich allerdings aussuchen.

Die sie umgebende Theatertruppe ist die gleiche wie im Vorjahr, nur dass sie zu Beginn nicht einem Theaterwagen entsteigt, sondern einem riesigen Geldtresor, der abseits der Freiluftbühne auf dem Hauptplatz steht. Den Text hat Haußmann – wie es seine Eigenart ist – gemeinsam mit dem durchwegs starken Ensemble erarbeitet. Die Handlung folgt der Molièreschen Geschichte eines alten Mannes, dessen Lebensinhalt die Verteidigung seiner Besitztümer ist, als Wertanlagen betrachtet er auch Tochter Elise (Laura Laufenberg) und Sohn Cleanthe (Julian Tzschentke).  Mit pekuniären Absichten hat  Harpagon die beiden einem reichen Greis („ohne Mitgift!“) und einer begüterten Witwe versprochen. Er selbst hat ein Auge auf die junge Mariane (Raphaela Möst) geworfen, in die jedoch Cleanthe verliebt ist. Die Irrungen und Wirrungen nehmen ihren Lauf.

Die Bühne (Max Lindner, Laura Weiss) zeigt Harpagons karg eingerichtetes Haus im Querschnitt und arbeitet genretypisch mit Türen und doppeltem Boden. Der modernisierte Text mit kurzen Sätzen scheint vor allem der Komik verpflichtet und weniger hochtrabenden Weisheiten. Robin Krakowski als Haushofmeister Valere und Love Interest von Elise glänzt hierbei auch mit viel Körpereinsatz. Haag-Intendant Christian Dolezal spielt Heirats- und Kreditvermittler in einem und wirft sich dann sogar in ein Brautkleid. Die großteils güldenen, barock gestalteten Kostüme  entwarf Cedrik Mpaka.

  Medienförderung neu: Koalition uneins bei Verteilung der Mittel

Effektvolle Einfälle

Effektvoll und sinnfällig sind Haußmanns Einfälle: So muss sich Tobias Artner als Maître Jacques gegen unterschiedliche Hindernisse (Wind, Wasser, Nebel etc.) stemmen, um sich als Mediator für Cleanthe dessen eingeschnapptem Vater zu nähern. Unter Einsatz von blauem Licht und Seifenblasen gelingt es sogar, den Eindruck eines komplett unter Wasser gesetzten Hauses zu erwecken.

Diese Slapstick-Szenen werden mit heldenhafter Hollywood-Musik verstärkt, ein gemeinsam gesungenes „Father and Son“ von Cat Stevens ironisiert dann den vermeintlichen Friedensschluss zwischen Vater und Sohn. Als der „Geizige“ später alles zu verlieren scheint, wird Leonard Cohens dunkle Stimme zu „You Want It Darker“ eingespielt. Dabei wird am Ende wieder einmal alles gut ausgehen.

Nackt und bloß

Theatermagie entfaltet sich auch, als Elise und Cleanthe gegen die imaginäre „vierte Wand“ im Theater prallen. Diese wird dann ausgerechnet vom so unnahbaren Harpagon (dessen Wams mit lauter Mausefallen gesichert ist) eingerissen. Drassl, die zuvor bereits als buckelig, steif und fahrig herumstapfender Tattergreis große Komödienkunst ablieferte, entledigt sich – vermeintlich der Besitztümer beraubt – ihrer Perücke und der Status verleihenden Oberkleider. Gewissermaßen nackt und bloß – ähnlich dem „Jedermann“ – steht sie da und will gleich das gesamte Publikum verhaften.

Dieses ließ sich bereitwillig in Beschlag nehmen und spendete begeisterten Applaus.

KURIER-Wertung: **** von *****

…read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.