Russland geht der Sprit aus – jetzt kauft Putin sein eigenes Öl zurück

Politik

Zwei Stunden habe sie in der Schlange gestanden, schluchzt die Frau ins Instagram-Video, sie wischt sich die nassen Augen. „Ich will essen, ich will trinken, ich will auf die Toilette“, sagt sie schluchzend.

Russland steckt seit Langem in einer Benzinkrise, betroffen davon waren neben der Krim aber nur entlegene Ecken des Riesenstaats. Jetzt hat es auch das reiche Moskau erwischt: Seit Tagen bilden sich Schlangen vor den Tankstellen, weil Benzin entweder rationiert oder ganz ausgegangen ist. In den sozialen Medien werden Adressen von Tankstellen herumgereicht, bei denen man nur eine Stunde, nicht den ganzen Tag warten muss. Besonders Findige bieten Benzin am Schwarzmarkt an, für 500 Rubel pro Lite. Das ist fast das Zehnfache des Preises vor einem Jahr.

„Alles läuft hier mit Benzin“

Bisher hat der Kreml alles getan, um die Hauptstadt von den Nebenwirkungen des Krieges abzuschirmen. Aufgrund der massiven Drohnenkampagne der Ukraine gestaltet sich das zunehmend schwieriger: Die Front, die sich durch die Schäden bei Russlands Ölraffinerien aufgetan hat, hat Potenzial für eine politische Krise. „Die ganze Wirtschaft hier läuft mit Benzin“, schreibt Kristina aus der Region Krasnodar auf Telegram – alle landwirtschaftlichen Betriebe rings um sie stünden still. „Und online können wir auch nichts bestellen, weil niemand es liefern kann.“

28 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten waren Mitte Juni zerschossen, schätzt Sergej Vakulenko, früher Stratege beim Energieriesen Gazprom und jetzt Experte bei Carnegie. Die Ukrainer treffen mit ihren Langstreckendrohnen Anlagen im 2.000 Kilometer Entfernung; die Betriebe kommen mit den Reparaturen nicht hinterher.

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Der Kreml hat darum nicht nur Exporte beschränkt, sondern plant erstmals seit Dekaden, Sprit zu importieren. Das ist ob des Ölreichtums des Landes paradox: Russland ist nach den USA und Saudi-Arabien drittgrößter Erdölförderer der Welt, kauft nun aber Benzin aus Indien – das wiederum raffiniert in großem Stil russisches Rohöl. Ein äußerst teures Eigentor für den Kreml.

„Das heißt noch lange nicht, dass der Kreml den Krieg nicht weiterführen kann.“

Nachhaltig sei das nicht, sagt Vasily Astrov, Ökonom am Wiener Institut für Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Aber es gehe „schließlich darum, die Krise schnell zu lösen. Dabei versucht man natürlich, Moskau zu schonen.“ Neben den immer weitreichenderen Internetsperren und der Konjunkturflaute drücke das aber Putins Popularität.

Dass der Kremlchef vor ein paar Tagen eingestanden hat, dass es landesweit Spritprobleme gibt, ist ein Indiz, dass Moskau den Ernst der Lage sieht. Im Regelfall werden solche Probleme einfach ausgesessen oder anderen in die Schuhe geschoben – auch jetzt hatte es bisher geheißen, Spritdieben und Logistikschwierigkeiten seien schuld.

Dass der Kreml damit von seinem Kriegskurs abkommt, ist dennoch unwahrscheinlich. Die Kasse Russlands ist trotz der Flaute noch ausreichend gefüllt, auch dass der einst pralle nationale Wohlfahrtsfonds, Putins größte Liquiditätsquelle, sich zusehends leert, sei „nicht maßgeblich“, sagt Astrov. „Das heißt noch lange nicht, dass der Kreml den Krieg nicht weiterführen kann.“

In Moskau wird die Krise aber jedenfalls nicht so schnell vorbei sein. Bis die Raffinerie nahe der Hauptstadt repariert ist, wird wohl ein halbes Jahr vergehen. Bis eine nachhaltige Lösung gefunden ist, greift der Kreml zu altbewährten Taktiken an: Man veröffentlicht einfach keine Statistiken zum Sprithandel mehr.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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