
Das ist ja mal ein hübscher Brückenschlag von den Salzburger zu den Bayreuther Festspielen: Während dort bei Wagner schon die Künstliche Intelligenz die Regie übernommen hat, dürfen hier an der Salzach noch ein letztes Mal die kleinen Menschlein ihr kleines Künstchen aufführen. Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“ ist, in der Regie von Ersan Mondtag und mit Manfred Honeck am Pult der Wiener Philharmoniker, inszeniert als das letzte Hurra von uns sehnsuchtsvollen Affen, der letzte Versuch, mit Kunst auf dem Menschlichen zu beharren, während dieses von einer Tech-Elite, die mit Liebe, Tod und Menschlichkeit nichts anfangen kann, gerade abgeschafft wird.
Es gibt, wohl ein letztes Mal, Oper – und zwar am Mars, in einer Kolonie des reichsten Mannes der Welt, die Anspielung ist klar: Der migrationsfeindliche Herr Musk oder einer seiner Nachfolger ist dann selbst emigriert und hat sich im All ein geldhierarchisches Horrorreich geschaffen. Dort werden die hohe Kunst und die Unterhaltung im Dienste der Milliardäre, nein, Trillionäre, von Hand zusammengeschustert, um die Existenz der Kunst zu rechtfertigen, ein schönes Bild in Salzburg und Bayreuth gleichermaßen. Das ist schlau und sehr zeitgerecht, leider vergleichsweise nachlässig ausgeführt – und beim Publikum ebenso verhasst wie die KI-Regie in Bayreuth: Es gab am Schluss geradezu brutale Buhs, aber vielleicht sind auch die ein Ausdruck des Menschlichen, der uns bald einmal abgehen wird.
Allerhöchste Regietheateralarmstufe
Man ist im Inneren eines luxuriösen Herrschaftspalastes am kargen Planeten, draußen stehen absurd große Heldenstatuen herum, Sinnbilder des vulgären Männer-Heroismus, der im Silicon Valley als Kunst durchgeht. Drinnen: die Vorwehen einer Opernaufführung. Den ersten Teil inszeniert Mondtag abseits des Settings geradezu klassisch: Man kalauert, spricht Wiener Dialekt, man streitet drum, ob ernste Kunst oder Unterhaltung wichtiger sind für den Menschen, es gibt Action und Personenführung, beides vergisst der Regisseur alsbald.
Nach der Pause dann herrscht nämlich allerhöchste Regietheateralarmstufe. Überlebensgroße Kadaver ausgehungerter Tiere – ein Löwe, ein Affe, ein Elefant – liegen auf der Bühne, eine michelinmannförmige Nixe schwebt auf einer Miniwolke eher unmotiviert auf und ab.
Vier Performerinnen und Performer in engem Gewand rekeln und schlängeln sich um die Sängerinnen und führen einmal, angetrieben von den Stimmgirlanden der Ariadne, einen comichaften Porno auf.
Der Bacchus kommt als eitler Han-Solo-Draufgänger mit gefiedertem Raumanzugshelm, dessen Flügel ein bisschen lustlos schlagen, aus dem All herab und rettet die Ariadne von der kargen Mars-Insel, bevor sie in die unendlichen Weiten abhauen.
Oder es zumindest probieren, denn – zappedizapp – ein Knopfdruck, und ihr Raumschiff explodiert. So ein schönes Feuerwerk! Jetzt aber Schluss mit der Oper, mit der Liebe, mit dem Menschsein: Der Milliardär hat genug. Am Ende steht das Paar im Raumanzug am Vorplatz des Salzburger Festspielbezirks und beobachtet jene glühenden Nordlichter, die aus dem Weltraummüll entstehen, der nach der großen Explosion herabfällt.
Lauter als das Dirigat Honecks ist da nur der Seufzer des Salzburger Festspielpublikums angesichts dieses inszenatorischen Zugriffs. So lieb könnte die „Ariadne“ sein, da geht es doch bitte um einen Wettstreit der Kunst und nicht um Dune, den Wüstenplaneten!
Man will aber diesmal in diesen Seufzer nicht so recht einstimmen, auch wenn Mondtag mit dem nötigen Handwerk fremdelt, auch …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



