„Michaela Kohlhaas“: Von einer, der es einfach reichte

Kultur

Michaela Kohlhaas brach auf. Sie zog mehrere Schichten Kleidung an, packte ihren Rucksack. Ihre Taschen füllte sie mit Nüssen. Sie verließ ihre Wohnung. Vorher trug sie noch ihre Zimmerpflanzen ins Stiegenhaus: „Zu verschenken“. In ihrem Job als Friedhofsverwalterin hatte sie sich beurlauben lassen. Zuvor hatte sie noch Selfies gemacht und gepostet: „Tod (links, unsichtbar), und ich (rechts) machen Feierabend.“

Was „die Kohlhaas“, wie sie hier genannt wird, vorhatte? Schluss zu machen. Sich nichts mehr gefallen lassen. Unmittelbarer Anlass: Ihre Stammkneipe war von einem reichen Galeristen übernommen worden, der drohte, überhaupt gleich das ganze Grätzel aufzukaufen. Schon zuvor hatte sie begonnen, sich von der Gesellschaft abzuwenden. Vermögensaufbau, Konsum und ähnliches Streben waren ihr längst fremd geworden.

Die Aufsässige

Heike Geißler erzählt in ihrem Roman „Michaela Kohlhaas“ die berühmte Novelle von Heinrich von Kleist neu. Die Geschichte des Pferdehändlers, der sich ungerecht behandelt fühlt und nach Vergeltung strebt, wird zum Vorbild für Michaela Kohlhaas, eine Frau mittleren Alters, der es, nach jahrelangen Erfahrungen von Ohnmacht gegenüber der Willkür anderer, endgültig reicht. Angefangen bei Männern, die sie mies behandelten, bis zu Chefs, die sich auf Kosten der Allgemeinheit bereicherten.

Ort der Handlung ist Leipzig. Die Erzählerin lernt Michaela Kohlhaas bei einem Spaziergang auf einem Friedhof kennen, wo Kohlhaas arbeitet. Für den Rest des Romans verfolgt die faszinierte Ich-Erzählerin den bemerkenswerten Weg dieser Aufsässigen, die sich mit einem Mal nicht mehr darum schert, was aus ihrer Arbeit, ihrer Pension und überhaupt dem Rest ihres Lebens werden würde.

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Wie eine Obdachlose lebt sie nun mal hier, mal dort, gibt sich frei und selbstbestimmt, was die Erzählerin mit geschliffener Sprache und viel Wortwitz kommentiert. Anstatt wie Michael Kohlhaas zu morden und Städte niederzubrennen, zieht Michaela Kohlhaas mit dem Planwagen durch das Land und sorgt für Aufregung. Sie ist der Natur ausgesetzt, was ihr aber nur am Anfang zu schaffen macht. Sie wird mehr und mehr selbst ein Stück Natur. Einer Gesellschaft, die von Konsum- und Machtstreben dominiert wird, verweigert sie sich zusehends. Ihr radikaler Ausstieg verstört.

„Ich weiß, ich stinke“

Die 1977 in Sachsen geborene Heike Geißler übt hier nicht zum ersten Mal Kapitalismuskritik. Prekäre Arbeitsverhältnisse und gesellschaftlicher Optimierungswahn waren schon in früheren Büchern Thema. In einer besonders eindrucksvollen, zugleich komischen Szene beschreibt sie hier, wie Kohlhaas in ein Fernsehstudio eingeladen wird, um dort ihre Geschichte zu erzählen. „Ich weiß, dass ich stinke“, sagt sie vor der Sendung in der Garderobe, „ich möchte mich trotzdem schminken lassen.“ Der Moderator rümpft angesichts der Ausdünstungen seines Studiogastes die Nase, wird noch unleidlicher, als dieser nicht auf die von ihm gewünschte Story einsteigt. Seine Frage, welche „Botschaft“ sie habe, beantwortet Michaela Kohlhaas beharrlich stur mit: „Ich habe keine Botschaft, ich habe eine Lebensweise.“

Dass Michaela Kohlhaas von ebendieser Gesellschaft, aus der sie ausgetreten ist, zur Wahnsinnigen erklärt wird, überrascht nicht.

Und beweist zugleich, wie recht die Kohlhaas mit ihrem Aufbegehren doch hat.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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