
„Ich bin doch keine Maschine / Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut / Und ich will leben/ bis zum letzten Atemzug.“
Dass es nicht so ganz einfach ist, möchte man dem deutschen Popsänger Tim Bendzko gern ins Stammbuch schreiben. Zumal sich viel getan hat, seit er mit diesen Zeilen vor zehn Jahren einen Hit landete: Humanoide Roboter, Künstliche Intelligenzen und Visionen eines digitalen Lebens jenseits des Körpers (Stichwort „Posthumanismus“) haben der Frage, was das Menschsein ausmacht, neue Brisanz verliehen.
Dass die Kunst sich damit befassen würde, lag auf der Hand. Ganz vorhersehbar war es aber nicht, dass sie 2026 mit massivem Materialeinsatz und einem Fuhrpark betont dreckiger Maschinen so viel Krach machen würde.
Zunächst rückte sich Florentina Holzinger, Choreografin und Performancekünstlerin, mit einer im Österreich-Pavillon der Venedig-Biennale aufgebauten Kläranlage in den Fokus. Beim „Pfingstspiel“ in Hermann Nitschs Schloss Prinzendorf setzte sie mit Monster-Trucks, einem von Drohnen gesprühten Schüttbild und einem blutigen Marionettenspiel von an Haken hängenden Performerinnen eines drauf. Und zuletzt ließ sie sich kopfüber an einer Glocke von einem Kran aus dem Bodensee „bergen“.
In der Secession ist nun eine in mancher Hinsicht verwandte Installation der koreanischen Künstlerin Mire Lee zu sehen. Sie besteht aus einer aufgeschlitzten alten Betonmischmaschine, die in einem roten Becken aus Eisenoxid- und Goldpigmenten wühlt. Das Material wird ebenfalls als eine Art Schüttbild mechanisch auf eine Wand aufgebracht.
Brunzende Tanks
Ästhetische Echos zum Wiener Aktionismus sind offensichtlich gewollt. Doch anders als bei der Körperkunst früherer Generationen sind es nun die Maschinen selbst, die ihre Eingeweide nach außen stülpen und ihr Innenleben zur Schau stellen.
Dass technologische Gebilde nicht klinisch sauber daherkommen, sondern lecken, bluten oder kacken, ist in dieser Deutlichkeit neu – auch wenn etwa der Filmregisseur David Cronenberg oder das Beuschel-Drama „Stranger Things“ bereits alternative Mensch-Maschine-Vorstellungen geliefert haben.
Im Kunstkontext baute der Belgier Wim Delvoye ab 2000 Verdauungsmaschinen, und der Österreicher Thomas Feuerstein entwickelte sein Großprojekt „Metabolica“ um einen Verdauungszyklus, bei dem neuartige Kunststoffe entstanden. Doch die Ästhetik des Labors überwog dabei jene von Schlachthof und Kläranlage.
Während Holzinger ihre Reise ins Innere der Körper nun mit Anleihen an Zirkusartistik, „Freakshows“ und der Piercingkultur kurzschließt, taucht die Koreanerin Lee in die Industriegeschichte ab.
Die Karriere der 1988 geborenen Künstlerin in der westlichen Welt hob ab, als sie 2024 in der Londoner Tate Modern, einer aufgelassenen Turbinenhalle, jene Großinstallation realisierte, die seit 2014 vom koreanischen Hyundai-Konzern gesponsert wird – einem Firmenkonglomerat, das im Auto- wie auch im Baugeschäft aktiv ist.
Klaffende Wunden
Unter dem Titel „Open Wound“ (Offene Wunde) ließ Lee u. a. eine alte Turbine von der Decke hängen und überzog sie mit rosa Silikonteilen, die an Hautfetzen erinnerten. In Begleittexten war das Motiv aus Wagners Parsifal herauszulesen – und die „offene Wunde“ der Teilung der koreanischen Halbinsel, die die dort lebende Gesellschaft bis heute beschäftigt.
Dass der dystopische Maschinenpark nun in Wien gelandet ist, besitzt eine gewisse Logik: Der Blick ins Innere des Menschen hat hier durch die große medizinische Geschichte und durch die von Sigmund Freud begründete Psychoanalyse eine Tradition, auf die sich Künstler und Forscher immer wieder beriefen.
Die Aufarbeitung …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



