
Seit 1999 wird im Schloss Kirchstetten im Weinviertel, NÖ, im Sommer Oper gespielt. In den vergangenen Jahren verlegte Intendant Stephan Gartner den Schwerpunkt auf Belcanto. In der aktuellen Ausgabe zeigt er „La cambiale di matrimonio“ („Der Heiratswechsel“) von Gioachino Rossini.
Der Einakter ist das erste Werk, das vom Schöpfer des „Barbier von Sevilla“ auf eine Bühne kam. Die Uraufführung war 1810 in Venedig und der Komponist selbst erst 18 Jahre. Dennoch ist bereits der typische Drive in der Partitur zu erkennen. Die Handlung ist haarsträubend, denn es geht um Frauenhandel. Ein englischer Kaufmann bietet seinem amerikanischen Geschäftspartner nicht nur seine Handelsware, sondern auch seine Tochter an.
Nicht unüblich
Dass Väter für ihre Töchter wohlhabende Ehemänner suchten, war in der Vergangenheit nichts Unübliches, das geht aber in dieser Inszenierung nicht auf. Denn Regisseur Richard Panzenböck verlegt das Geschehen in die 1990er-Jahre und versucht sich an einer Ästhetik wie in der Fernsehserie „Dynasty“, was man aber erst erkennt, wenn man das im Programmheft nachliest. Im Maulpertsch-Saal des Schlosses funktioniert das nicht.
Agiert wird auf einem engen Laufsteg. Leuchtstäbe aus Plastik, bunte Neon-Röhren verdrängen, was vom Flair des zum Teil renovierten Schlosses zu spüren wäre. Hier wird wirklich wie vor dreißig Jahren Oper gespielt. Hier gibt es etwa noch Aktenkoffer.
Es kommt ein Fax
Anstatt des Matrosen, der einen Brief überbringt, kommt hier ein Fax an, das wird auch ins Libretto eingebaut. Die Sänger tragen wenig gefällige Sakkos, die Sängerinnen Kostüme, die aussehen, als wären sie vom Ausverkauf eines Diskonters. Dazu tragen alle geschmacklose Billigperücken. Nicht genug damit, stattet der Regisseur seine Inszenierung mit fast ständigen Slapstick-Einlagen aus. Viel Spielraum dafür gibt es auf der engen Bühne nicht. Das dauernde Ohrfeigen erschöpft sich rasch.
Umso mehr ist die Leistung des Ensembles hervorzuheben. Das Publikum trennt in diesem etwas mehr als 100 Plätze fassenden Saal nur eine Armlänge von den Sängern. Da die richtige Balance zu finden, ist nicht leicht. Ana Cvetković schafft das in der Rolle der Tochter Fanni mit Bravour. Sie zügelt ihren ausdrucksstarken Sopran und intoniert in allen Lagen sehr ansprechend. Sevana Salmasi hat ihren kraftvollen Mezzosopran sehr gut unter Kontrolle. Bei den Herren ragt Antoine Amariutei mit seinem sonoren Bass heraus. Joseph Calzada verkörpert den Amerikaner, der am Ende auf seine Braut verzichtet und ihren Bräutigam zum Erben seines Vermögens einsetzt, mit seinem geschmeidigen Bariton sehr gut. Marco Trespolis Tenor klingt ausbaufähig. Bass Friedo Henken hat das Zeug zum Komödianten. Hooman Khalatbari leitet die engagiert musizierenden Virtuosi Brunenses souverän. Zehn Orchesterinstrumente und ein Piano reichen für Rossinis musikalische Vielfalt. Viel Applaus.
Source:: Kurier.at – Kultur



