Nach Massenansturm auf Ceuta: „Das übertrifft alles, was ich bisher erlebt habe“

Politik

Halima Ahmed bräuchte in diesen Tagen zehn Hände – und selbst dann käme sie der Arbeit kaum hinterher. Im Büro der NGO Luna Blanca in Ceuta huscht die Sozialarbeiterin zwischen Freiwilligen hindurch, gibt Anweisungen, telefoniert mit Lieferanten und Nachbarn gleichzeitig. Kaum ist ein Problem gelöst, steht das nächste vor ihr. Draußen wartet ein marokkanisches Mädchen mit Fieber, ruft ihr eine Mitarbeiterin zu. Eine Frau liege mit Schmerzen am Boden. Halima bringt sie in die Notaufnahme. 

Zurück im Büro bei der Sidi-Embarek-Moschee lässt sie sich erschöpft auf ihren Stuhl fallen. „Was wollte ich eigentlich machen?“, fragt sie. Ach ja, die Journalistin.

Seit 40 Jahren versorgt die muslimische Hilfsorganisation bereits Bedürftige in der spanischen Exklave in Nordafrika. Was sich derzeit in Ceuta abspielt, „übertrifft aber alles, was ich bisher erlebt habe“, sagt Halima zum KURIER.

Tausende sind geblieben

Ende Juli sind innerhalb weniger Stunden Zehntausende Migranten – inzwischen ist von 80.000 die Rede – von Marokko in die autonome Stadt geschwommen. Die allermeisten Menschen sind inzwischen zurückgekehrt oder abgeschoben worden, betont die Zentralregierung in Madrid. Tausende jedoch sind geblieben, irren noch immer in den Straßen umher. Schätzungen reichen von 8.000 bis 15.000. Elend und Notdürftigkeit begegnen einem an jeder Straßenecke.

Luna Blanca versorgt inzwischen bis zu 5.000 Migranten pro Tag. Auffällig sei die große Zahl an Frauen, Mädchen und Familien, sagt Halima. Weil die Ankunftszentren schon zuvor heillos überfüllt waren, wurden Sporthallen und Fußballplätze zu Notunterkünften, um ihnen Schutz zu bieten. „Es gab viele Fälle von sexuellem Missbrauch.“

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Gestemmt wird die Hilfe vor allem von den Bewohnern Ceutas: Vor Sabah Hameds Haus im muslimischen Viertel El Príncipe hat sich gegen Mittag eine lange Schlange gebildet. Schon während der Migrationskrise 2021 öffnete die Unternehmerin ihre Tür für Ankömmlinge. Nun kocht sie wieder, verteilt Spenden und lässt Migranten bei sich duschen. Anfangs seien 200 Menschen am Tag gekommen, inzwischen bis zu 2.000. Eigentlich wollen sie und ihre Helferinnen nachts um ein Uhr Schluss machen. „Aber was machst du, wenn dich danach eine Schwangere fragt, ob es noch Essen gibt? Du kannst sie doch nicht wegschicken!“

Doch auch Sabah kommt, wie so viele andere in der Stadt, zunehmend an ihre Grenzen. Bis Samstag will sie noch weitermachen, sagt sie. Dann sei Schluss. Auch ihr Geschäft, vor dem Migranten campieren, müsse sie irgendwann wieder aufsperren. Hier im Barrio El Príncipe sind, anders als in der Altstadt, kaum Polizisten oder Soldaten zu sehen.

Fühlen sich im Stich gelassen

 „Wir machen die Arbeit, die eigentlich die Regierung machen sollte“, sagt Abdellah Mustafa, Präsident des Nachbarschaftsvereins von Sidi Embarek. Auf einem Sportplatz haben sie ein notdürftiges Lager für rund 350 Frauen und Mädchen errichtet. Eng gedrängt sitzen sie unter den Planen, die kaum Schutz vor der sengenden Sonne bieten. Sanitäranlagen gibt es keine, aber Anrainer bewachen die Tür. „Viele haben mir gesagt, dass es die erste Nacht ist, in der sie ruhig schlafen konnten,“ so Abdellah.

Viele, vor allem junge Männer, sind jedoch noch immer auf der Straße, in Parks, an den Stränden, in Unterschlüpfen aus Zweigen, Tüchern und Kartons. An der Playa El Trampolín warten an diesem Abend mehr …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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