
Ruth Beckermann ist ein offener Mensch: weltoffen, offen für Themen und für Begegnungen mit Menschen. Hatte sie zuletzt eine Brennpunktschule im Wiener Bezirk Favoriten in den Fokus ihres Interesses gerückt, so ist sie nun wieder weit weg. Für ihre neue Doku hat sich die große Filmemacherin nach Äthiopien begeben.
Spuren der Geschichte
Schon als Kind war Beckermann von dem schmächtigen, stets grimmig dreinblickenden Kaiser Haile Selassie, der Äthiopien von 1930 bis 1974 regierte, fasziniert. Der hatte seine Verdienste, schaffte die Amputationen von Gliedmaßen ab und führte die Elektrizität in seinem Land ein, aber er war kein netter Mensch. Wie Ryszard Kapuscinski in seinem berühmten Buch „König der Könige“ aufdeckte, agierte Haile Selassie in vielen Aspekten kontrovers und rücksichtslos. Ein Buch, das in Äthiopien selbst interessanterweise nur wenige Menschen kennen und gelesen haben. Es wurde nie ins Arabische übersetzt.
In den Sechzigerjahren ließ Haile Selassie das Hilton Hotel in Addis Abeba bauen, in dem Beckermann ihre Gesprächspartner empfängt: Angestellte des Hotels, die von ihrem (ärmlichen) Leben außerhalb der Hotelmauern erzählen; den Architekten des Hauses; die Tochter von Selassies Diener. Dazwischen schneidet sie Archivmaterial, Reden und Spielfilmszenen, Stadtansichten. Ein Durcheinander, so wie das Land selbst.
Der Titel „Wax & Gold“ bezieht sich auf eine in Äthiopien verbreitete literarische Technik, mit der man das Gegenteil von dem sagt, was man meint.
Es liegt dann am Lesenden, die Fakten in der Fiktion, das Gold im Wachs, zu erkennen.
Vorhaltungen, sie setzte sich zu wenig kritisch mit der Rolle Haile Selassies auseinander, begegnet Beckermann damit, dass es „ein sehr persönlicher Essayfilm“, geprägt von ihren ureigensten Eindrücken, ist. Wir sind gespannt, welchen Film sie als Nächstes macht.
INFO: A/I 2026. 97 Min. Von Ruth Beckermann. Mit Menschen in Addis Abeba.
Source:: Kurier.at – Kultur



