Rabattwahn im Handel: „Da läuft etwas völlig aus dem Ruder“

Wirtschaft

Es zähle nur noch der Preis, der Konsument habe das Gefühl für den Wert eines Produktes verloren, kritisiert Günter Thumser, Geschäftsführer des Österreichischen Verbandes der Markenartikelindustrie (MAV). Im KURIER-Interview spricht er auch über das Aus des Ardo-Werkes, Shrinkflation und immer neue Auflagen. 

Das Tiefkühlwerk Ardo wird wohl geschlossen. War das absehbar?

Günter Thumser: Ardo ist für mich ein Standortthema. Es ist ein klassischer Fall, dass ein Unternehmen unter den gegebenen Standortbedingungen nicht mehr ökonomisch in die Zukunft geführt werden kann. Viele Auflagen, etwa bei Düngemitteln, sind hier viel härter als in anderen Ländern. Die gestiegenen Kosten sind in den Preisen aber kaum noch unterzubringen, weil wir einen hoch konzentrierten Handel haben, wo drei Einkäufer 86 Prozent des gesamten Haushaltseinkaufs abdecken.

Es wird wohl mehr ausländisches Tiefkühlgemüse im Supermarkt landen. Aber wird es auch gekauft?

Davon gehe ich aus. Wenn die Menschen vor dem Regal stehen, zählt nur der Preis, alles andere tritt in den Hintergrund. Wir sind in einer extremen Aktionitis. In Österreich werden über 40 Prozent aller Artikel im Supermarkt in Aktion gekauft. In den Prospekten und Inseraten wird der Preis schon größer angezeigt als das Produkt, da läuft etwas völlig aus dem Ruder. Bei so vielen Zahlen und Ziffern geht der Wert der Ware völlig unter. Und der Handel schafft durch diese Preispolitik seine eigene Differenzierung ab.

Es gibt viel Kritik an der neuen Pickerlpolitik bei Billa. Kennen Sie sich noch aus?

Die Aktionspolitik des Handels ist Sache des Handels, die Lieferanten dürfen es nur bezahlen. Jedes einzelne -25-Prozent-Pickerl geht über das Warenwirtschaftssystem direkt an den Lieferanten weiter. Diese finanzieren, was der Handel mit Millionen teuren Kampagnen vermarktet, um sich selbst in ein gutes Licht zu stellen.

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Warum machen die Markenhersteller bei solchen extremen Preisaktionen mit, wenn sie zugleich auf mehr Wertschätzung für ihre Produkte pochen?

Wir machen da nolens volens mit, sind aber nicht glücklich über diese Entwicklung, weil Qualität und Herkunft in den Hintergrund rücken und nur noch jeder auf den Preis schaut.

Wie kann man wieder mehr Preisbewusstsein schaffen?

Es muss mehr Bewusstsein für die Qualität und die Eigenversorgung geschaffen werden. Das ist nicht nur ein Branchenthema, sondern ein Bildungsthema und eine politische Verantwortung. Aber wenn die Regierung immer nur Preise senken will, verstärkt sie den Trend noch.

Die Regierung wollte ja die Teuerung eindämmen und senkte die Mehrwertsteuer auf bestimmte Grundnahrungsmittel. Der Effekt ist aber wieder verpufft, oder?

Jeder, der sich auskennt, weiß, dass Nahrungsmittelpreise immer volatil sind, weil sie von vielen Faktoren wie Erntemengen oder Rohstoffpreisen abhängen. Wir leben ja nicht in einer Planwirtschaft, wo man Preise auf ein Jahr fixieren kann.

Warum sind viele heimische Markenartikel in Deutschland günstiger als in Österreich?

Es ist schon bemerkenswert, dass die Preise immer mit Deutschland verglichen werden, aber nie mit einem anderen Nachbarland. Die Unterschiede zu Deutschland kurz zusammengefasst: höhere Umsatzsteuer, höhere Filialdichte, geringere Mengen, andere Topografie sowie höhere Personal- und Energiekosten. Das ist kein Herstellerthema, bei den Eigenmarken ist das genauso. Es ist ein Österreich-Kostenaufschlag.

Der Handel gibt aber den Herstellern die Schuld, Stichwort territoriale Lieferbeschränkungen…

Das hören wir seit Jahren. Aber selbst der größte Markenartikler macht nicht mehr als …read more

Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

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