
Um wieviele bedeutende Werke ärmer wäre doch die Kulturgeschichte, wenn die Bürgerlichen nicht so anhaltend an ihrer Bürgerlichkeit leideten. Von den „Buddenbrooks“ bis zum „Gott des Gemetzels“ – am schwierigsten dürfte die Existenz wohl sein, wenn man sie in großen Häusern mit vielen Büchern durchbringen muss.
Da, denkt man sich, müsste man nicht noch eine Variante draufsetzen. Aber das wäre ein Irrtum, über den man sich derzeit im Theater an der Wien eines besseren belehren kann.
Denn dass Philipp Stölzl Wagners „Fliegenden Holländer“ zum Fall einer Bürgerstochter macht, die sich den hypermaskulinen Seemann (mit Haken statt Hand!) herbeifantasiert, um den Zumutungen der gesellschaftlichen Zwänge zu entkommen: Das funktioniert dermaßen überzeugend, dass man hocherfreut nach Hause geht.
Der Holländer steigt hier aus einem Buch heraus, beziehungsweise optisch aus einem Riesenbild immer dann herunter, wenn Senta besonders gerne aus der Bibliothek ihres Vaters (einst ein Distinktionsmerkmal einer Elite, die auf Bildung Wert legte) entkommen würde.
Nein, sie will nicht einen eitlen Gecken heiraten, der ihr aus finanziellen Gründen vom Vater Daland angedient wird.
Und auch der sichere Hafen Erik ist keiner, den Senta in ihren Emotionswallungen (die scheinen sich bei finanzieller Sicherheit verlässlich einzustellen) anzusteuern bereit ist. Also träumt sie vom rauen Maskulinen, von der groschenromangroßen Über-Liebe. Der Holländer erlöst hier Senta vom Ennui und der Fadesse des Lebens, nicht umgekehrt.
Doppeltes Spiel
Das ist optisch beeindruckend gelöst: Das Wandgemälde birgt eine zweite Bühne, auf der die Seemann-Zombies, das muschelverkrustete Holländer-Schiff und die finale Liebesszene spielen.
Das schlägt durch auf das Bürgerhaus: Senta fantasiert sich in die große Liebe hinein und wird, während sie von dieser nur träumt, auf der Hinterbühne gedoppelt. Dort darf sie den Holländer wirklich küssen (und seine Exen, die ihn nicht gerettet haben, anzünden, nun ja, Bürgerfantasien halt).
Musikalisch drückt und drängt das im handlichen Theaterraum ordentlich. Ambur Braid ist als Senta eindringlich und hoch emotional, in den weniger exponierten Passagen aber auffällig gebremst. Jordan Shanahan als Holländer leidet sonor und wohlklingend, Cameron Becker ist ein eleganter Erik, Wilhelm Schwinghammer ein etwas stimmbraver Daland. Die Wiener Symphoniker unter Robert Jindra halten druckvoll das Opernstückwerk zusammen.
Sentas Selbsttraumatherapieresultat ist dann Mord und Selbstmord. Und wieder mal ist das bürgerliche Drama durcherzählt.
Source:: Kurier.at – Kultur



