Hans Ulrich Obrist: „Die Brücke wieder herstellen“

Kultur

Der einflussreiche Kurator will einen „New Deal“ für die Kultur und plädiert für die engere Anbindung der Kunst an die Gesellschaft

1985 reiste der damals 17-jährige Hans Ulrich Obrist erstmals von Zürich nach Wien, um die  Malerin Maria Lassnig kennenzulernen. Es sollte der Beginn einer langen freundschaftlichen Beziehung werden; der Schweizer, der fortan unermüdlich Begegnungen  mit Künstlerinnen  und Künstlern suchte, wurde in den Folgejahren zu einem der einflussreichsten Kuratoren der  Kunstwelt.

Lassnig und das von ihr illustrierte Buch „Rosengarten“ (1984)  legten auch den Grundstein für Obrists bis heute anhaltende  Begeisterung für  Friederike Mayröcker (*1924). Im Rahmen des Festivals „Curated By“ hat Obrist nun in der Galerie nächst St. Stephan nun eine Schau zusammengestellt (bis 10.10.), die Mayröckers Zeichnungen neben Büchern und Hörspielen präsentiert.

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KURIER: Sie sind in der zeitgenössischen und neuesten Kunst aktiv, gleichzeitig sind sie in der Lassnig-Stiftung involviert, pflegten Kontakt zu Friederike Mayröcker oder der kürzlich im Alter von 99 Jahren verstorbenen Luchita Hurtado. Welche Bedeutung hat die Beschäftigung mit Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Generationen für Sie?

Hans Ulrich Obrist: Ich glaube, dass man oft die Zukunft aus Fragmenten der Vergangenheit erfinden kann. Mein kuratorischer Ansatz war immer interdisziplinär – ich gehe davon aus, dass man   die Kräfte in der Kunst nur dann versteht, wenn man auch in die Literatur geht, wie jetzt in Wien mit Mayröcker, oder  in die Musik, die Architektur, die Wissenschaft. Aber mein Ansatz war auch  immer, dass man verschiedene Generationen zusammenbringt. Und ich glaube, dass gerade heute das Werk von Friederike Mayröcker wieder super relevant ist für eine junge Generation. Precious Okoyomon, eine großartige Künstlerin in New York, die wir 2019 in der Serpentine Gallery zeigten, ist etwa sehr fasziniert von Mayröcker, und sie ist Ende zwanzig.  

  Im Kunsthaus Wien tröstet das Ödland

Jacqueline Kaess-Farquet/Maria Lassnig Stiftung

In Ihrem Denken taucht immer wieder der Begriff der Dringlichkeit auf. In der derzeitigen Situation wird die Priorität der Kunst aber häufig angezweifelt.

Gerhard Richter sagte mir immer, Kunst ist die höchste Form der Hoffnung. Gerade zu einem Zeitpunkt wie jetzt brauchen wir Kunst umso mehr, und gerade zu diesem Zeitpunkt ist es interessant, darüber nachzudenken, wie wir mit Kunst in die Gesellschaft hinein gehen können. Am ersten Tag des Lockdowns ist mir ein Atelierbesuch bei der Fotografin Helen Levitt. (1913 – 2009, Anm) eingefallen. Sie hatte mir einst vom New Deal unter Roosevelt erzählt. Zehntausende Künstler wurden damals beschäftigt, es wurde ihnen aber nicht einfach Geld überwiesen – die Künstler wurden aufgefordert und eingeladen, für die Gesellschaft zu arbeiten. So war auf einmal Kunst nicht mehr im Museum zu sehen, sondern ging in die Gesellschaft.   Levitt sagte mir, wenn es irgendwann eine große Krise gibt, dann sollte man auf dieses Reservoir von Ideen zurückgreifen. Ich habe dann einen Text verfasst, wie man heute einen „New New Deal“ realisieren könnte. Das wäre das perfekte Projekt für  Europa – die EU könnte das transnational machen, indem das im ganzen europäischen Raum stattfinden könnte. So eine Krise ist auch eine Chance, dass man diese Brücke zwischen der Kunst und der Gesellschaft wieder mehr herstellt.

Doch die Situation heute ist eine …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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