Hitlers Liebling im Social-Media-Zeitalter

Kultur

Endlich ein Speer auf der Bühne, dazu ein Schwert und ein Amboss, sogar einen Schwan und ein Auto mit der Aufschrift „Wartburg“ gibt es. Die Rede ist nicht vom KI-„Ring“, die künstliche Intelligenz hat noch nicht auf die Proteste reagiert. Zu sehen sind diese Requisiten im Rahmen der Erstaufführung von Wagners dritter Oper, „Rienzi“, bei den Bayreuther Festspielen.

Theater im Theater

Bei der Ballettmusik, die in den 1840er Jahren bei der Grand Opéra, die damals noch Vorbild für Wagner war, sein musste, machen sich die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka eine Hetz. Sie lassen ein Modell der Bühne des Festspielhauses auf der Bühne desselben hochfahren und inszenieren ein humorvolles Wagner-Potpourri. Dazu gleich Besucher, die sich in der Pause auf der Toilette oder am Buffet drängeln, wie es in Bayreuth so ist.

Ansonsten geht es in dieser Produktion sehr ernst zu. Szemerédy und Parditka nehmen dem Werk über den letzten der Tribunen, Cola Rienzi, der im mittelalterlichen Rom die Republik wiederherstellen will und gegen den Adel kämpft, am Ende aber selbst zugrunde geht, alles Heroische, jede Sympathie für die Herrscher – und das ist gut so. „Rienzi“ war Hitlers Lieblingsoper, zu seinem 50. Geburtstag bekam er die Originalpartitur geschenkt, sie ging 1945 verloren (möglicherweise im Führerbunker). Nun ist das Werk in einer rekonstruierten Fassung mit knapp vier Stunden Spielzeit bei den Bayreuther Festspielen zu erleben.

Wagner selbst hatte diese Oper nicht in den Kanon der in Bayreuth zu spielenden Werke aufgenommen (der beginnt mit dem „Fliegenden Holländer“) und „Rienzi“ als „Schreihals“ bezeichnet. Das ist aufgrund der üppigen Finali, der massigen Chorszenen und plakativen Märsche nicht ganz falsch. Bisherige Versuche, „Rienzi“ im Festspielhaus aufzuführen (etwa von Wagners Sohn Siegfried) führten zu keiner Realisierung. Zum 150-Jahr-Jubiläum brach Katharina Wagner aber den von der Familie selbst auferlegten Bann.

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Ist das Werk stark genug?

Lohnt es sich nun, dieses Werk zu hören? Definitiv. Die Ouvertüre, das Gebet des Rienzi, dramatische Arien sind bereits Wagner pur. Dazwischen gibt es jedoch ziemlich gedehnte, dramaturgisch uninteressante Momente, weshalb es besser scheint, es vorerst bei dieser Einmaligkeit zu belassen. Mit anderen Werken des Bayreuther Meisters kann „Rienzi“ nicht mithalten, von der „unendlichen Melodie“ noch keine Spur.

Die Regisseurinnen verlegen die Geschichte in die heutige, von Social Media und dem Drang nach Likes geprägte Zeit, in der vielerorts Populisten an die Macht kommen. Die Choristen tragen permanent Handys, filmen alles, stellen es sofort online. Von anonymen Wahlen ist keine Rede. Von Wagner als Helden gedachten Personen sind Schwächlinge, sie stolpern ohne Ziel in die Gewalt und gehen mit ihrem Imperium unter.

Andreas Schager bewältigt die Titelpartie mit seinem mächtigen, voluminösen Tenor. Beim lyrischen Gebet tut er sich enorm schwer. Gabriela Scherer als Rienzis Schwester Irene singt gut, Jennifer Holloway als sein Gegenspieler Adriano sogar ausgezeichnet. Michael Nagy als Orsini, Vitalij Kowaljow als Kardinal Raimondo und Andreas Bauer Kanabas als Colonna runden die gute Besetzung ab.

Am Pult des exzellenten Orchesters setzt Nathalie Stutzmann auf eine ähnliche Lesart wie die Regie: nur nicht zu heroisch, fein differenziert, weg mit dem historischen Ballast. Eine einzigartige Aufführung.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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