Hugo Portisch und der heiße Zeitungskrieg

Kultur

Teil 4: 1958 wird Hugo Portisch Chefredakteur des KURIER und löst Hans Dichand an der Spitze der Redaktion ab – dies inmitten turbulenter Zeiten für Österreichs Medienlandschaft.

2010 hat Hugo Portisch dem Verleger Hannes Steiner in 30 Stunden sein Leben erzählt mit dem Auftrag, sein geistiges Erbe einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Steiner hält gemeinsam mit dem Unternehmer Michael Kraus die Rechte an diesen „Toskana Tapes“. Wir bringen die packendsten Auszüge in zwölf Teilen.

von Martin Haidinger

Im März 1958 eskaliert ein schwelender Konflikt, der die Presselandschaft in Österreich gewaltig durcheinanderwirbelt. Die rivalisierenden Zeitungsherausgeber Fritz Molden (Die Presse) und Ludwig Polsterer (KURIER) befetzen sich stellvertretend für die hintergründig geldgebenden Parteien SPÖ und ÖVP. Auf der Vorderbühne: die Journalisten Gerd Bacher (Chefredakteur des Bild-Telegraf) und Hans Dichand (KURIER-Chefredakteur). Im kurzen, aber heftig geführten „Wiener Zeitungskrieg“ geht es um die Vorherrschaft am Boulevard. Die ÖVP hält über Teilinhaber Alfred Maleta einen guten Anteil am KURIER und will möglicherweise durch Strohmänner auch das Konkurrenzblatt Bild-Telegraf erwerben, das in einem Abhängigkeitsverhältnis zum damals mit der SPÖ verbundenen Fritz Molden steht. (Er lässt den Bild-Telegraf in seinem Pressehaus drucken und das verschuldete Blatt ist ihm ab einem gewissen Schuldenstand praktisch verpfändet. Laut Vertrag darf Molden dann eine „ähnliche Zeitung“ herausbringen.) Wenn der Bild-Telegraf aber rechtzeitig von den ÖVP-Strohmännern gekauft würde, hätte die Volkspartei die beiden meistgelesenen Boulevardblätter in der Hand. Vielleicht wollte die ÖVP den Bild-Telegraf als KURIER-Konkurrenz aber auch schlicht abwürgen – bis heute ist das nicht geklärt.

Fakt ist, dass Molden die Schulden fällig stellt, um am 13. März eine über Nacht umbenannte Zeitung namens Bildtelegramm herauszugeben, und zwar mit der bisherigen Redaktion um Chefredakteur Bacher.

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Nun klopft der ausgebootete Herausgeber des Bild-Telegraf Hans Behrmann beim Konkurrenten Ludwig Polsterer an und bittet um Hilfe, ja um Asyl! Hans Dichand weilt gerade auf Urlaub, ohne Telefon und Urlaubsadresse. Die Geschäfte führt Stellvertreter Hugo Portisch.

Der Polsterer fragt: Sind wir als KURIER-Redaktion in der Lage, den „Bild-Telegraf“ herauszugeben? Ein schöneres Angebot kann man gar nicht bekommen: die Konkurrenz in unsere Hand zu legen. Natürlich machen wir das! Habe das mit der Redaktion besprochen: Wir müssen aber den KURIER weitermachen. Na, dann machen wir beide! Ich habe selten eine Redaktion so munter gesehen und mit so viel Vergnügen, die Konkurrenzzeitung nachmachen zu dürfen und herauszubringen. Für uns war es eine Hetz! Ich habe mir ein Feldbett aufstellen lassen und bin überhaupt nicht mehr nach Hause gegangen. In der Nacht haben wir den KURIER gemacht, der als Mittagsausgabe erschienen ist, dann anschließend den „Bild-Telegraf“ als die nächste Morgenzeitung.

Hans Behrmann lässt das Bildtelegramm von Molden und Bacher aus Copyrightgründen mehrfach gerichtlich beschlagnahmen.

Dann ist das Ganze als „Zeitung ohne Titel“ erschienen. Auch die hat der Richter wegen zu großer Ähnlichkeit beschlagnahmen lassen, weil sie natürlich im grafischen Bild von der ersten bis zur letzten Zeile logischerweise nach wie vor den „Bild-Telegraf“ gemacht haben.

Jedenfalls erscheinen Bild-Telegraf und Bildtelegramm ein paar Tage lang parallel und polemisieren in Leitartikeln gegeneinander.

Da kommt Hans Dichand aus dem Urlaub zurück und bietet Ludwig Polsterer an, auch künftig gemeinsam mit Portisch …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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