Peter Handke: Der Revoluzzer mit dem Bleistift

Kultur

Pop-Star und Pilznarr, Zerstörer von Konventionen und Traditionalist, immer Widerspruchsgeist – und nun auch Nobelpreisträger.

Peter Handke hatte immer etwas Unnahbares, Arrogantes. Wenn er nicht stumm war, so sprach er bedächtig leise, fast nicht hörbar. Er konnte aber auch ganz anders: Wenn er zum Beispiel tarockierte, dann vermochte der Kärntner mit slowenischen Wurzeln wie der letzte Bauer zu schimpfen und zu fluchen.

Und wenn man sich das hagere Männchen, das Peter Handke heute mit knapp 77 Jahren darstellt, so anschaut: Dann kann man sich kaum vorstellen, dass er in den späten 1960er-Jahren der Pop-Star der Literatur war. Er war sogar ein Revoluzzer. Aber eben ein ganz ein leiser.

Im Sommer 1961, nach der Matura, war Peter Handke von Griffen nach Graz gegangen, um Jus zu studieren. Er bewohnte ein Zimmer im Vorort Waltendorf, die Prüfungen absolvierte er zumeist mit Auszeichnung, aber seine Liebe galt der Literatur, dem Film, dem Fußball und der Populärkultur. Er legte damit das Fundament zu vielen seiner Bücher und Drehbücher – von „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ bis zum „Versuch über die Jukebox“.

Er gab Nachhilfe in Griechisch und arbeitete in einem Warenversandhaus. Weil ihm dort das Licht der Leuchtstofflampen schmerzte, trug er eine dunkle Sonnenbrille – sie sollte sein Markenzeichen werden, hinter der er sich scheu verbergen konnte.

Im Sommer 1963 behauptete er keck im Forum Stadtpark: „Ich bin der neue Romancier.“ Alfred Kolleritsch, Herausgeber der Literaturzeitschrift „manuskripte“, ging auf den jungen Mann zu, sie wurden Freunde. Handke tippte im Forum sein Buch „Die Hornissen“, weil er, so Kolleritsch, „keine richtige Schreibmaschine hatte“.

Manuskripe

Der Pop-Star: Peter Handke, porträtiert von Günter Waldorf

Dann lernte Peter Handke die Schauspielerin Libgart Schwarz kennen (mit der er eine Tochter, Amina Handke, hat). Im Sommer 1966 wurde sie nach Düsseldorf engagiert – und er ist ihr gefolgt. So endet das Kapitel in Graz. Und nun ging der Stern des Peter Handke auf. Im März 1966 war beim Suhrkamp Handkes Debütroman erschienen, mit dem sich selbst Fans schwertun, und einen Monat später in den „manuskripten“ die „Publikumsbeschimpfung“.

Dieses Stück war eine Zumutung. Vier „Sprecher“ heißen ihre Zuhörer alles Mögliche. Sie benahmen sich wie eine Rock-Band und gaben eine Art Konzert mit Worten. Das Publikum brüllte vor Lachen – oder es schrie entrüstet Buh. Die Beschimpfung macht aber nur einen Bruchteil des Textes aus: Sie ist das furiose Finale. In den Passagen davor zerstört Handke die Konventionen des bürgerlichen Theaters. Die Uraufführung fand am 8. Juni 1966 in Frankfurt statt, inszeniert von Claus Peymann.

Langsame Heimkehr

Unmittelbar davor, im April, war der 23-Jährige bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton. Vor all den Literaturstars stellte er, als „mädchenhafte Gestalt“ beschrieben, fest, „dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht“. Mehr brauchte es nicht. Ja, Handke rebellierte. Und er verstörte, wenn er die Aufstellung eines Fußballmatchs als Gedicht veröffentlichte. Er verstörte auch mit einem Stück ohne Text („Das Mündel will Vormund sein“). Und er verstörte mit „Kaspar“, der sich erst eine Sprache finden muss.

Doch schon bald wurde er selbst klassisch – zunächst 1972 mit …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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