
Schreiben ohne Ende. Irgendwann hat Verena Stauffer in der Schule für ihre seitenlangen Aufsätze nur mehr ein Hakerl statt einer richtigen Note bekommen. Die Lehrerin wollte das nicht mehr lesen, es war ihr zu viel. Sie wusste nicht, was sie versäumt. Ihre produktive Schülerin ist später zu einer der außergewöhnlichsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur geworden. Eine preisgekrönte Schriftstellerin, Lyrikerin und Übersetzerin, hochgelobt etwa für ihre Lyrikbände „Ousia“ und „Kiki Beach“, die beide für den Österreichischen Buchpreis nominiert waren.
Über die Alpen bis nach Pompeji und letztlich in digitale Welten führten Stauffers kraftvolle Liebesgedichte in „Kiki Beach“, und in ein digitales Paralleluniversum geht es auch in ihrem neuen Roman „Strahlen“. Auch hier steht am Anfang die Liebe: Die Künstlerin Ava hat mit multiplen Krisen zu kämpfen, zuvorderst mit einer Schaffenskrise und einer damit verbundenen prekären Existenz. Dazu kommen Beziehungskrisen.
In New York lernt Ava Kyle kennen, der sich als gewalttätig herausstellt. In Italien lernt sie Stefan lieben, er hat allerdings Familie. Die intensive Beziehung zum geheimnisvollen E., den sie über eine Onlineplattform kennengelernt hat, findet größtenteils virtuell statt, als Leserin ist man nicht sicher, ob es ihn überhaupt gibt. Und dann ist da der junge Tiam, er hat ein bisserl was von allen. Keine dieser Beziehungen bietet Ava so etwas wie eine stabile Partnerschaft, doch womöglich will sie das auch gar nicht, schließlich speist sich ihre Kreativität gerade aus dem Scheitern dieser vielen Lieben.
Dicht, komplex und spannend zu lesen ist dieser ungewöhnliche Künstlerinnenroman, im Laufe dessen sich Realität und Fantasie, Wirklichkeit und virtuelle Welt immer weniger auseinanderhalten lassen.
Lebensbuch
Frauenleben am Rande der Apokalypse: Eine Meisterin dieses Fachs war die oberösterreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer, ein Vorbild Stauffers. Sie stammt aus derselben Gemeinde wie Haushofer, aus Molln. Haushofers dystopischen Roman „Die Wand“ hat Stauffer schon sehr jung gelesen und liest ihn immer wieder, es ist zu einer Art Lebensbuch für sie geworden, sagt sie im Gespräch mit dem KURIER.
Ein weiteres Schlüsselerlebnis: Ein Schulausflug (!) zur Frankfurter Buchmesse. Stauffer, damals ein Teenager, lernte die Schriftsteller Josef Haslinger, Robert Schneider und Wolfgang Bauer kennen. „Ich bin aufgeblüht!“
Den Grundstein für die Liebe zur Literatur hatte die Mutter gelegt, mit einem Donauland-Abo. Den Klassikern der Weltliteratur folgten bald zeitgenössische Autoren. Stauffer begeisterte sich für Werner Schwab, sammelte Gedichte von Wolfgang Bauer und Texte von Elfriede Jelinek. „Deutschsprachige Literatur ist mein literarisches Zuhause.“
Rauschhaft
Schreiben als Beruf? Das hat gedauert. Stauffer bekam früh Kinder, musste sich den Raum zum Schreiben erkämpfen. „Das Schreiben war schon immer in meinem Kopf. Aber erst mit Ende 20 sind die Gedichte geradezu rauschhaft aus mir herausgebrochen.“ Die ersten Gedichte wurden 2013 in der Literaturzeitschrift Manuskripte veröffentlicht. 2018 kam der erste Roman „Orchis“ im Verlag Kremayr & Scheriau heraus. Spätestens seit Verena Stauffers Auftritt beim Bachmannpreis 2025 kennt eine breitere Öffentlichkeit ihren Namen.
In „Strahlen“ erzählt sie nun von einer Frau, die das Radikale sucht. In der Kunst wie in der Liebe. Sie sucht eine Bedingungslosigkeit, die sie in Beziehungen nicht findet, und taucht zusehends in eine virtuelle Welt ein. Beides ist gut für ihre Kunst. „Der Auslöser für …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



