
Anfang Dezember 1956 irrt ein 16-Jähriger gemeinsam mit einem Schulfreund durch Wien, nachdem er zuvor über die burgenländische Grenze nach Österreich gekommen ist. Ohne Wintermantel, ohne Familie, mit kaum Geld, dafür mit offener Tuberkulose und Lungenblutungen. Ein Wiener hat die beiden Jugendlichen im Auto mitgenommen. Schließlich findet Ernő Deák medizinische Hilfe. Zehn Monate wird er im Spital bleiben. „Niemand hat gefragt, wer die Kosten übernimmt“, erinnert er sich später dankbar.
Ernő hat es nach Österreich verschlagen, weil in Ungarn sowjetische Panzer in diesem Herbst vor exakt 70 Jahren die Hoffnung auf Freiheit niedergewalzt und an die 200.000 Menschen in die Flucht gezwungen hatten.
Um zu verstehen, warum die Menschen in unserem Nachbarland gegen ihre Regierung aufstanden, muss man sich ihren Alltag vor Augen führen.
Die Führung hatte das Land nach sowjetischem Vorbild umgebaut – Betriebe verstaatlicht, Bauern in Kollektive gedrängt, die Wirtschaft auf Schwerindustrie und Rüstung ausgerichtet. Konsumgüter waren knapp, niemand war vor Verfolgung sicher.
Hoffnung
Nach Stalins Tod keimte Hoffnung auf Veränderung. Und als in Polen im Herbst 1956 politische Reformen durchgesetzt wurden, schien auch in Ungarn Bewegung möglich. Der Blick nach Österreich tat ein Übriges, sagt die Historikerin Barbara Stelzl-Marx: „Die Besatzung war beendet, Österreich hatte einen Staatsvertrag erhalten und sich zur Neutralität verpflichtet.“
Was dann auf den Straßen Budapests geschah, überraschte sogar die eigene Führung: Studenten demonstrierten, forderten Pressefreiheit, freie Wahlen und den Abzug der sowjetischen Truppen. Arbeiter schlossen sich an. Das Stalin-Denkmal fiel. Stelzl-Marx: „Die Ungarn wollten mehr Demokratie und weniger Einfluss von sowjetischer Seite.“ Für wenige Tage schien es, als könnte sich Ungarn aus dem Griff der Sowjetunion lösen. Dann rollten Panzer. „Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen“, sagt die Historikerin.
Nach Österreich
Unterdessen waren unzählige Ungarn nach Österreich geflohen. Die Krise war ein Stresstest für das neuerdings neutrale Land – „die erste Bewährungsprobe für die junge Republik und sein neues Bundesheer“, wie Georg Hoffmann, der Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums ausführt. Man müsse sich vor Augen halten, dass „die allerersten Grundwehrdiener nur acht Tage vor Beginn des Ungarnaufstandes eingerückt waren“. Das erst seit 1955 wieder souveräne Österreich stand vor einer gewaltigen Aufgabe. Flüchtlinge wurden in Schulen sowie Kasernen untergebracht, verköstigt und von Hilfsorganisationen weitervermittelt. Es fehlte an Geld, und bald wurden Stimmen laut, Österreich sei überfordert. Schließlich blieben rund 15.000 Ungarn in Österreich, mehr als 80 Prozent zogen weiter.
Vergeltung
In deren alter Heimat hatte mittlerweile unter János Kádár die Vergeltung begonnen. Tausende wurden inhaftiert, rund 230 Menschen hingerichtet. Über den Aufstand durfte öffentlich nicht gesprochen werden. Mit mehr Freiheiten im Privaten versuchte das Regime, die Bevölkerung zu befrieden. Stichwort: Gulaschkommunismus.
Historische Traumata
1956 wurde zum Symbol eines gescheiterten Freiheitsversuchs – und gleichzeitig zu einem moralischen Bezugspunkt: Ungarn als Opfer fremder Mächte, aber auch als Land des Widerstands. „Alle nachfolgenden Regierungen haben diese historischen Traumata geschickt gepflegt – immer, um eigene politische Vorteile herauszuholen“, analysiert Historiker Oliver Rathkolb. Auch der neue Ministerpräsident Péter Magyar appellierte zuletzt im Kampf um den Wahlsieg geschickt an „die revolutionäre Vergangenheit der Ungarn“.
So gesehen scheint beim Nachbarn vieles historisch aufgeladen. Auch das weitere Leben von Ernő Deák. Für ihn wird ein ungarisches Internat …read more
Source:: Kurier.at – Politik



