
Es waren der Druck auf der Straße und der Entschluss, keine Bilder einer gespaltenen, geschwächten militärischen Führung zu produzieren, die russischen Narrativen in die Hände spielen könnten: Beides bewegte den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij dazu, nach seiner umstrittenen Personalrochade vergangene Woche zu reagieren. Dem entlassenen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow bot er doch noch eine „prominente Position“ in der Regierung an, zugleich tauschte er den im Februar 2024 eingesetzten Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee, Oleksandr Syrskyj, aus.
„Unser gemeinsamer Wunsch ist der Sieg über den Feind und eine Lage an der Front, die Russland zum Frieden zwingt“, gab sich Selenskij am Dienstagabend in einer Fernsehansprache versöhnend. In den vergangenen Tagen hatten Tausende Ukrainer gegen die Entlassung Fedorows protestiert. Der 35-Jährige galt als wichtiger Architekt des Drohnenkrieges der Ukraine und führender Kopf hinter dem aktuellen Versuch der Ukraine, die Krim zu isolieren.
„Drohnen-Minister“ gegen Sowjet-General
„Fedorow war jemand, der versucht hat, den Aderlass der ukrainischen Streitkräfte zu verringern, indem nicht immer wieder neue Soldaten an der Front eingesetzt werden, sondern verstärkt unbemannte Systeme, also Drohnen und Bodenroboter, anstelle von Soldaten“, so Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer gegenüber dem KURIER.
Der 60-jährige, in der Sowjetunion geborene und ausgebildete Syrskyj setzte stärker auf Panzer und Artillerie, er galt als Verfechter eines starren, militärischen Systems. 2022 leitetet er die Verteidigung Kiews in den ersten Wochen des Krieges und im Herbst desselben Jahres die Befreiung Charkiws. Ihm wird nachgesagt, zu wenig auf das Überleben seiner Soldaten Rücksicht genommen zu haben, was ihn als Gegenfigur zu Fedorow sehr unbeliebt machte. Zwischen den beiden herrschte ein offener Streit.
Der neue Verteidigungsminister, Jewhen Khmara, ein ehemaliger Kommandeur der Spezialeinsatzkräfte mit viel Kampferfahrung, wird zwar den Kurs von Fedorow fortführen. Er gilt als loyal und ist kein politischer Opportunist, dürfte Selenskij so weniger gefährlich werden als Fedorow. Doch die Ernennung Khmaras reichte nicht, um die Proteste gegen die Absetzung Fedorows zu beschwichtigen.
Als neuer Oberbefehlshaber hat Selenskij deswegen jetzt einen Verbündeten Fedorows eingesetzt: den 43-jährigen Mychajlo Drapatij, seit 25 Jahren Soldat, populär und ähnlich innovativ geprägt wie der ehemalige Verteidigungsminister. Drapatij kämpfte seit 2014 gegen Russlands Annektionsversuche. Nationale Bekanntheit erlangte er, als er damals mit einem Schützenpanzer eine von pro-russischen Separatisten errichtete Barrikade in der Stadt Mariupol durchbrach.
Versöhnungssignal
Seine Ernennung gilt als offensichtliches Versöhnungssignal von Selenskij, sogar Syrskyj hatte sich nun bei Fedorow in einem Abschiedsschreiben auf Telegram entschuldigt. Reisner spricht von einer „neuen Dynamik“, die der Personalwechsel mit sich bringen würde.
Das ukrainische Medienportal Babel bezeichnete Drapatij als einen der fähigsten Feldkommandeure der Ukraine. Eine Änderung der Verteidigungsstrategie der Ukraine sei laut militärischen Beobachtern aber vorerst nicht zu erwarten: Drapatijs aktuell größte Aufgabe wird es sein, die Struktur der Armee zu reformieren.
Strukturelle Reformen
Als Befehlshaber der Landstreitkräfte leitete Drapatij eine Reihe von Reformen zur Verbesserung der Militärkultur ein, darunter die Übernahme von Verantwortung durch die Offiziere. In der Vergangenheit kritisierte er das sowjetische Denken und Mikromanagement – wofür Syrskyj symbolisch gestanden hatte. Drapatij dürfte auch jüngere Führungskräfte in der Armee stärker fördern, heißt es.
Mit der Reform militärischer Strukturen will die Ukraine ein Problem angehen, das sie trotz ihrer erfolgreichen Angriffe auf russische Infrastruktur …read more
Source:: Kurier.at – Politik



