Vom Kind zum Auftragskiller: Warum härtere Strafen Gangs nicht stoppen

Politik

Schweden kämpft gegen eine neue Dimension der Bandenkriminalität – und immer häufiger sind es Kinder und Jugendliche, die Straftaten begehen. Das zeigen aktuelle Untersuchungen der schwedischen Polizeibehörde: Demnach werden insgesamt rund 1.700 Personen unter 18 Jahren als aktive Kernmitglieder in kriminellen Netzwerken eingestuft. Rechnet man Minderjährige mit direkter Verbindung zu den Gangs hinzu, steigt die Zahl auf rund 3.700.

Besonders dramatisch zeigt sich die Entwicklung bei den Jüngsten. 173 Kinder unter 15 Jahren standen 2025 in Schweden im Verdacht, einen Mord begangen oder geplant zu haben. 2019 waren es gerade einmal zwölf.

Strafmündigkeitsgrenze sinkt

Die Antwort der Politik lautet zunehmend: härtere Strafen. Schwedens Regierung senkt die Strafmündigkeitsgrenze ab September für schwere Straftaten wie Mord, illegalen Waffenbesitz oder Erpressung von 15 auf 14 Jahre. Die Regelung soll zunächst fünf Jahre gelten. Gleichzeitig sollen ältere Jugendliche härter bestraft und bisherige Vergünstigungen bei der Strafzumessung eingeschränkt werden.

In Österreich ist die Senkung der Strafmündigkeit ebenfalls eine offene politische Debatte. FPÖ und ÖVP fordern unter anderem eine Herabsetzung von 14 auf 12 Jahre. Das, obwohl die Forschung bislang keinen überzeugenden Beweis dafür geliefert hat, dass eine niedrigere Strafmündigkeit Jugendliche tatsächlich vor Straftaten abschreckt.

„Die Vorstellung, dass die Strafmündigkeit der Hauptgrund für die Rekrutierung junger Menschen ist, ist schlichtweg falsch“, sagt Kriminologe David Sausdal. Er forscht an der Universität Lund zu Organisierter Kriminalität und der Entwicklung von Gangstrukturen in Schweden. Seine These ist unbequem, weil sie nicht dem politischen Erklärungsversuch entspricht.

Wie Restaurant und Lieferservice

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Bevor ein Kind eine schwere Straftat begeht, ist meist schon viel passiert, meint David Sausdal. „Um einer Gang beizutreten, braucht es kein klassisches Bewerbungsgespräch.“ In Wirklichkeit sei die Annäherung häufig viel subtiler: „Wenn du sie fragst, wann sie in die Gang gekommen sind, können sie es oft nicht sagen.“

Der Kriminologe beschreibt es eher als einen Prozess der Sozialisierung oder auch des „Groomings“, also der bewussten, missbräuchlichen Kontaktaufnahme. Jugendliche wachsen in ein Umfeld hinein, in dem Kriminalität bereits präsent ist. Sie verbringen Zeit mit älteren Gangmitgliedern, übernehmen deren Vorstellungen und Verhaltensweisen.

Sausdal findet einen ungewöhnlichen Vergleich: ein Restaurant. Man beginnt unten, vielleicht als Tellerwäscher, und übernimmt mit der Zeit immer mehr Verantwortung. Wer sich bewährt, kann in der Hierarchie aufsteigen und vielleicht selbst zum Boss seines eigenen „Restaurants“ werden.

Daneben gebe es eine zweite, jetzt noch viel gängigere Form der Rekrutierung – sie funktioniert eher wie ein Lieferdienst. Es gibt einen Auftrag, der wird ausgeführt und bringt Geld. Ob es darum geht, eine Waffe zu transportieren, jemanden einzuschüchtern oder eine schwere Gewalttat zu begehen, spielt für das Prinzip kaum eine Rolle. Der Jugendliche ist nicht unbedingt bei der Gang – er arbeitet für sie.

Spiegel der Gesellschaft

Diese sogenannte „Gig-Economy“ ist ein Modell, das auch aus der legalen Arbeitswelt bekannt ist. Auch die Gangkultur verändere sich entsprechend: Aus dem Restaurant wird ein Lieferservice. Doch mit einem normalen Job hat das wenig zu tun. Hinter solchen Aufträgen können Drohungen, Manipulation und Abhängigkeiten stehen. Gleichzeitig werden die Risiken der Tat auf den Jugendlichen abgewälzt, während die Verantwortlichen im Hintergrund stehen und oft gar nicht selber im Land sind.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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