
Bundespräsident Alexander Van der Bellen ließ Mütter und Väter in ganz Österreich ausrichten, sie mögen ihre Kinder doch bitte länger aufbleiben lassen. Wegen des Österreich-Spiels gegen Spanien. Das sei ja ein einmaliges Erlebnis. Danke dafür.
Nicht, weil mein Kind das Spiel nicht ohnehin gesehen hätte. Sondern weil ich mich frage, seit wann der Bundespräsident im Nebenberuf Familiencoach ist. Wie läuft das jetzt ab? Gestern: „Liebe Eltern, heute dürfen die Kinder länger aufbleiben.“ Morgen dann: „Bitte den Brokkoli nicht so streng einfordern. Es sind schließlich Ferien.“ Und drei Wochen später: „Heute dürfen die Kinder ausnahmsweise drei Kugeln Eis essen. Es ist ja August.“ Und zum Schulanfang gibt es die präsidiale Empfehlung, dass Schokolade ausnahmsweise auch als Nervennahrung durchgeht. Im Namen der nationalen Harmonie.
Danke für nichts, Herr Bundespräsident
Klingt absurd. Ist es auch. Natürlich war das alles nett gemeint. Natürlich war es augenzwinkernd. Und natürlich haben sich tausende Kinder gedacht: „Ha! Sogar der Bundespräsident sagt, ich darf länger aufbleiben!“ Doch genau das ist der Punkt. Der gewisse Punkt. Wer jeden Abend mit einem oder mehreren Heranwachsenden diskutiert, weiß: Jedes Argument wird gnadenlos ausgeschlachtet. „Bitte noch fünf Minuten.“ „Nein.“ „Aber der Bundespräsident …“ Danke für nichts.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch mein Kind durfte das Spiel sehen. Und am nächsten Morgen hatte es ungefähr dieselbe Dynamik wie ein Sack Zement mit Augen. Überraschend war das nicht. Schlaf ist nämlich noch immer erstaunlich wichtig. Aber manchmal nimmt man den Mangel daran in Kauf.
Nur: Wir Eltern haben das entschieden. Nicht die Hofburg. Und überhaupt: Warum eigentlich Fußball?
Es braucht eine ORF-Sondersendung zur Swift-Hochzeit
Ich mag Fußball. Wirklich. Aber warum wird ausgerechnet das Sechzehntelfinale zum nationalen Ausnahmezustand? Wo bleibt die Videobotschaft, wenn Österreich bei der Schach-Olympiade teilnimmt? Oder wenn ein österreichischer Koch beim Bocuse d’Or um die Wette kocht? Sollten die Kinder dann auch länger aufbleiben? Andere Kinder zählen nicht die Tage bis zum Anpfiff, sondern bis endlich der nächste Manga-Band erscheint. Und dann schlagen sie sich damit die Nacht um die Ohren. Herr Bundespräsident, wie finden Sie das? Mein Mitgefühl gilt auch den Swifties. Wobei: Falls Taylor Swift tatsächlich heiraten sollte, müsste der ORF eine achtstündige Sondersendung bringen. Herr Bundespräsident, das wäre nur fair. Und können wir dann am nächsten Tag die Schule aussetzen?
Gleichberechtigung muss sein. Fußball ist großartig. Aber er ist nicht der Maßstab, an dem sich Familienleben auszurichten hat. Ich hätte übrigens noch ein paar Themen für den nächsten Instagram-Auftritt des Bundespräsidenten: „Liebe Eltern, heute bitte keine Bildschirmzeit. Außer für meine Rede.“ Oder: „Zähneputzen nicht vergessen. Österreich zählt auf euch.“ Oder mein persönlicher Favorit: „Liebe Kinder, räumt bitte euer Zimmer auf. Eure Eltern haben auch einmal frei.“
Spätestens dann wäre endgültig geklärt, wer in Österreich wirklich die Erziehung übernimmt. Ich bleibe bis dahin bei einem altmodischen Modell: Wann ein Kind ins Bett geht, entscheiden immer noch die Eltern oder von mir aus die Großeltern oder Tante, Onkel, Babysitter. Fix keine Politiker. Ich nehme übrigens jede Zeile hiervon zurück, wenn Österreich 2030 im Finale steht. Aber bis dahin …
Source:: Kurier.at – Sport



