Florentina Holzinger in Venedig: Frau kann alles. Frau überragt alles.

Kultur

Zweieinhalb Stunden Wartezeit musste in Kauf nehmen, wer in den Eröffnungstagen der Biennale Venedig den österreichischen Pavillon sehen wollte. So berichteten Medien. Das dürfte durchaus stimmen. Die Schlange in den Giardini war – und ist nach wie vor – etliche 100 Meter lang. Einen solchen Andrang kennt man ansonsten nur von den Beiträgen der USA, Großbritannien oder Deutschland.

Und kaum jemand gibt enerviert auf. Denn Florentina Holzingers Beitrag gilt als der heißeste Scheiß. Die Choreografin, Theatermacherin, Regisseurin und Extremperformerin weiß eben, wie sie dem Publikum nicht nur lange Zähne macht, sondern dieses, bei Regen (derzeit) oder Hitze (kommt erst) verharrend, bei der Stange hält: Zu jeder vollen Stunde klettert sie oder eine ihrer Performerinnen vor dem Pavillon an einem Seil in eine an einem Kran hängende Glocke, klinkt sich mit den Beinen ein, lässt den Oberkörper fallen und wird, mit Metallteilen an den Hüften, zum frei schwingenden Klöppel. Die Darbietung dauert keine fünf Minuten, die Wartenden applaudieren.

War schon da – aber nicht so

Dass der Vorarlberger Aktionskünstler Wolfgang Flatz bereits vor Jahrzehnten – in der Silvesternacht 1991/’92 mit „Demontage IX“ – etwas Ähnliches gemacht hat: geschenkt. Holzingers Glockenspiel ist bloß eine Aktion in einer Fülle an Darbietungen. Andere Nationen halten die Durchflussfrequenz gerne gering – quasi als Marketinggag (eine Schlange signalisiert eine Attraktion). Das kann man Österreich nicht vorwerfen. Denn wer es in den Pavillon geschafft hat, will das Spektakel auskosten.

Holzinger bietet mit „Seaworld Venice“ gleichzeitig oder hintereinander (mit Überschneidungen) auf fünf „Bühnen“ Performances an. Die Platzverhältnisse sind zudem arg eingeschränkt: Vom Durchgang aus, der zum Innenhof mit der dumm skandalisierten Kläranlage führt, verfolgt man gleich zwei Darbietungen. Die Folge ist, dass pro Tag nur 1.400 bis 2.000 Personen Einlass finden.

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Haupt- und Sideshow

Es geht in erster Linie um den unreflektierten Umgang mit Ressourcen, um die Wiederaufbereitung von Wasser, um die Katharsis, also die Reinigung. Wer mehr oder weniger alles sehen will, braucht schon eineinhalb bis zwei Stunden. Und die Facetten dieses Stationen- oder Polydramas muss man sich, wie beim Puzzle, selbst zusammensetzen. Holzinger bietet alles auf: Artistik, Aktion, Tanz, Slapstick.

Alle Säle ließ sie fluten. Linker Hand findet von Zeit zu Zeit das Longieren und schließlich Zureiten eines Jetskis statt: Die Akteurinnen beherrschen das Gerät mit großer Coolness, sie peitschen das Wasser zu mächtigen Wellen auf. Bei dieser atemberaubenden Zirkus-Show drängen sich die Menschen.

Im Zentrum steht die hinlänglich beschriebene Kläranlage mit den zwei Mobilklos. Nach jeder Benützung werden sie von den Performerinnen, als Putzfrauen verkleidet, gereinigt: Diese Toiletten sind die saubersten in den Giardini. Zwischen den Plastikboxen befindet sich das große Aquarium: Es sei, sagt man, mit dem geklärten Urin des Publikums befüllt. Entsprechend des Holzinger-Slogans „I live in your piss“ verharrt eine Performerin stundenlang recht regungslos darin. Sie „lebt“ in diesem Environment: Eine gefühlte Stunde steht sie, die nächste sitzt sie, dann klappt sie ein Bett herunter – und legt sich hin. Veränderungen passieren in Slow Motion: Man hat viel Zeit, die Tattoos zu bestaunen.

Im Seitenflügel rechts blubbert eine weitere Kläranlage – für das große Geschäft. Ewig lang passiert gar nichts. Doch …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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