
Was hat man hier gesehen? Sieben Menschen, die nicht den körperlichen Normvorstellungen entsprechen, beschäftigen sich rund drei Stunden lang ausführlich mit Fett, insbesondere mit Butter. Kleiden sich in butterfarbene Kutten, bevor sie sich ganz ausziehen, kraxeln auf die Butterberge, die das Bühnenbild darstellen, stellen Butter selbst her (auch deshalb die lange Aufführungsdauer).
Es kommt ja öfters vor, dass man als Theaterbesucher das Programmheft zu Rate ziehen muss, um das, was man gesehen hat, genauer einordnen zu können. Unmissverständlich in Rébecca Chaillons Stück „Die Parabel von der Säure“, uraufgeführt am Donnerstag bei den Wiener Festwochen im Odeon, war zunächst dies: Eine Gemeinschaft von Menschen, die die Theatermacherin ebenso wie sich selbst „fett“ nennt, thematisiert ihr Dicksein. Woher es kommt, was es mit ihnen macht. Sie erzählen von ihrer Herkunft aus Pariser Vorstädten, von körperlichem Missbrauch, von Fress- und Kaufsucht, von körperlichen Nöten. Das tun sie auf allerhand unkonventionelle Arten. Dabei berühren sie, bringen einen zum Staunen, zwischendurch auch zum Gähnen (eine Stunde kürzer wäre auch okay gewesen) und nicht wenige Besucher kommen an ihre Schmerzgrenzen.
Zunächst verteilt Performerin Julie Teuf (Selbstauskunft: „Julie, 39, Steinbock. Arbeitstier“) als Supermarkt-„Hostess“ Butterstücke im Publikum. Das Publikum darf kosten und beim Gewinnspiel mitmachen, bei dem es ein Zehntel des eigenen Körpergewichts in Lebensmitteln zu gewinnen gibt. Da sind wir schon in einem der Zentralorgane des Abends: der Waage.
Die Gemeinschaft der Dicken wirkt mal wie eine Leidensgenossenschaft, dann wieder wie eine Truppe von Überlebenden, zwischendurch auch wie eine Band, die durchaus kraftvolle Performances bietet. Zunächst leisten die sieben Darsteller (Yanis Boulahia, Hassan Gourniz, Loulie Houmed, Camille Léon-Fucien, Living Smile Vidya, Nabila Mekkid, Julie Teuf) Abbitte für ihre als Fehlverhalten wahrgenommenen Körper. Sie erzählen, dass sie das Öl in der Thunfischdose getrunken und das Geschirrtuch frittiert und gegessen haben. Spielen die Fernsehshow „The Biggest Loser“ nach, wo gewinnt, wer am meisten Gewicht verliert und wo Essen zur Heimlichtuerei wird: Wenn das Fernsehteam an der Tür läutet, versteckt man den halb gegessenen Kebap zur Not auch in der Unterhose. Die Demütigung dieser „Show“ artet zur Groteske aus: Man schmiert einander mit Gelee ein und kugelt auf dem Boden herum. Ein zentrales Element des Abends, den nicht alle im Publikum zu Ende sehen wollen. Von denen, die bleiben, sind einige begeistert.
Das hat auch mit dem Kultstatus der 1985 in Montreuil geborenen Regisseurin und Performerin Rébecca Chaillon zu tun. Nach eigener Aussage eine „schwarze, fette, kinderlose, alternde Lesbe“, ist Chaillon eine Stimme, die in der französischen Kulturlandschaft gehört wird. Ihre Stücke und Performances setzen sich wie auch hier mit Diskriminierungen und Identitäten auseinander und sie tun das mit Verve und Witz. Ihre aktuelle Inszenierung, die in Wien Weltpremiere feierte, ist laut Programmheft eine „rebellische Science-Fiction-Performance“, inspiriert von den Lebensgeschichten eines Popstars und einer Sternenforscherin, die aus der gleichen stigmatisierten Banlieue stammen wie Chaillon selbst. Wo die Bevölkerung aus „Restposten“ besteht, die Häuser 17 Stockwerke und keinen Aufzug haben und wo sich auf den Hausdächern die Satellitenschüsseln tummeln.
Der Titel ist mehrdeutig: „La Parabole du Seum“ heißt das Stück im Original. Im Französischen bedeutet „parabole“ sowohl …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



