
„Donauschwaben oder so“. Lina sitzt in der Straßenbahn und hört, wie jemand über dieses Wort spricht, das ihr außerhalb ihrer Familie selten zu Ohren kommt. Sie fühlt sich wie ertappt. Wer dieses Wort kennt, sieht ihr bestimmt an, dass sie aus einer Familie von „Donauschwaben“ kommt. Wo man stets von „Dahoom“ spricht, diesem Daheim, das doch längst in Salzburg liegt.
Pho und Physio
Doch Linas Familie definiert sich auch Jahrzehnte nach dem Ankommen in Salzburg immer noch über Traditionspflege, spricht den Dialekt von einst und erinnert sich an Belgrad, von wo die Familie zu Kriegsende vertrieben wurde. Lina, die Protagonistin von Katherina Braschels Debütroman „Heim holen“, ist in den 1990ern geboren und lebt das Leben vieler Millennials – man geht Pho essen, schaut Dating-Shows, redet über Partys und ist gleichzeitig alt genug, um sich über gute Physiotherapeuten auszutauschen. Sie wirkt zerrissen zwischen ihrem studentischen Umfeld und der Traditionspflege ihrer Herkunfts-Gemeinschaft, die stets ihr Opfertum betont. Die Opfererzählung bekommt Risse, als Lina von der SS-Mitgliedschaft des Großvaters erfährt. Hat er Kriegsverbrechen verübt? Die Fragen, die Lina stellt, bleiben in der Familie vorerst unbeantwortet, sie sucht weiter.
Unprätentiös
Katherina Braschel, 1992 in Salzburg geboren, erzählt in ihrem Romandebüt von Erinnerung, Nationalismus und einer Volksgruppe, deren Vergangenheit zu wenig dokumentiert ist. Ob die Jugendsprache Linas und ihrer Freunde in diese historische Spurensuche passt, ist Geschmackssache. Derart unprätentiös über ein schwieriges historisches Thema zu schreiben, ist aber jedenfalls ein Verdienst.
Source:: Kurier.at – Kultur



