Maggie O’Farrells Roman „Land“: Hypnotische historische Welt

Kultur

Das Land, von dem in Maggie O’Farrells „Land“ die Rede ist, wird gleich zu Beginn, wie es sich für einen Roman dieses Titels geziemt, ausgiebig beschrieben: „Der Ort ist eine schmale Landzunge, umspült von kalten, blauen Meeresarmen: eine Halbinsel, die sich weit in den Atlantik erstreckt wie eine flehende Hand, der westliche Zipfel Europas, ehe es vor den eisigen Strömungen eines unermesslichen Ozeans kapituliert.“ Der Landvermesser Tomás arbeitet mit seinem Sohn Liam dort an einer neuen Landkarte für die britischen Soldaten, die „Rotröcke“. Er soll dokumentieren, wie sich die Landschaft verändert hat durch die große Hungersnot. Wir schreiben das Jahr 1865 in Irland, und die besagte Katastrophe hat den Landstrich fast entvölkert. Sprich: Unbewohntes Land, das man sich ohne Gegenwehr unter den Nagel reißen kann.

Blätterkrone

Tomás hat in einem Wald an einer Quelle ein seltsames Erlebnis, von dem er völlig verändert – oder: total irre – und behütet mit einer Blätterkrone zurückkehrt. Ein Priester macht sich bei ihm an einen Exorzismus. Erst nach erfolgter Teufelsaustreibung darf er mit seinem Sohn wieder zurück nach Dublin. Zuvor hat sich der Landvermesser noch geschworen, dass er nie mehr den Rotröcken dabei hilft, sich dieses sein Land zu eigen zu machen.

Das wird so nicht klappen. Denn er hat eine Frau, Phina, drei Kinder, ein viertes unterwegs – die wollen versorgt werden und die Miete bezahlt sich nicht mit Näharbeiten von Phina. Nur weil die beiden Eheleute ein besonderes Band verbindet – gemeinsam waren sie ins Armenhaus gesteckt worden, nachdem ihre Familie vom Hunger ausgerottet worden ist – verzeiht sie ihm, dass er alle ihre Ersparnisse in ein ruinöses Haus steckt. Ausgerechnet auf jener Halbinsel, neben jenem Hain, der ihn so verstört hat.

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Wunderbar ausufernd

Das ist die Ausgangslage dieser wunderbar ausufernden Geschichte, die doch immer wieder auf diesen einen besonderen Flecken Land zurückfällt. O’Farrell – die die Romanvorlage für den Film „Hamnet“ geschrieben hat – erzählt hier nicht nur von Tomás’ Kindheit mit eindringlichen Erinnerungen wie dem Stein, den er vor Hunger gelutscht hat. Auch der Ort um die Heilige Quelle hat eine Geschichte, eine Seele, die sich über Jahrtausende geformt hat und unter anderem mit einem Menschenmädchenopfer zu tun hat. Manches verbindet Vergangenheit und Gegenwart und sogar Zukunft – wie eine sehr große Hunderasse. Es geht auch darum, dass einem das eigene Land nicht genug ist, wie es der ältesten Tochter Enda ergeht. Es geht darum, dass mancher fast mythisch mit dem eigenen Land verwachsen ist, dass er es gar nicht verlassen kann, wie beim jüngsten Sohn Eugene.

Mit üppigen Wortschichten baut O’Farrell eine hypnotische historische Welt mit facettenreichen Figuren. Ein Buch, nach dem man Heimweh bekommt, wenn man es ausgelesen hat.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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