
Bei fast allen Großveranstaltungen tauchen sie auf. Die Bilder, die mittlerweile mehr als 30 Jahre alt sind. Die TV-Dokumentation „Elf Helden, ein Albtraum“ skizziert das Scheitern der Deutschen bei der WM 1994. Als sich das Team mit vielen Weltmeistern gespickt 1990 aufmachte, um den Pokal aus den USA heimzuholen. Und im Viertelfinale gegen Underdog Bulgarien rausflog.
Nein, so ganz ist die Situation nicht vergleichbar. Die Deutschen kamen nicht als Weltmeister zu dieser WM in Übersee, ganz im Gegenteil, waren 2022 in Katar (Trainer war Hansi Flick) wie auch 2018 in Russland (unter Joachim Löw) schon in der Vorrunde Turniergeschichte. Aber in der Stellenbeschreibung des Amtes des deutschen Bundestrainers steht Druck immer ganz oben. Fährt Deutschland wohin, ist die Erwartungshaltung immer groß.
Und wenn es nun um Julian Nagelsmann geht, taucht auch der Name Berti Vogts wieder auf. Er war damals der große Buhmann, alles rechnete mit seiner Ablöse – ein Telefonat mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl bewog ihn, zu bleiben. Zwei Jahre später war Vogts „unser Berti“ im Nachbarland, als er das Team zum EM-Titel führte.
Unpopulär
Auch Nagelsmann musste „unpopuläre“ Entscheidungen treffen, wie Vogts in den USA damals, als er Stefan Effenberg wegen seiner Stinkefinger-Aktion in einem Vorrundenspiel nach Hause schickte – nicht nur fast das ganze Team war gegen diese Entscheidung. Nagelsmann hingegen holte Manuel Neuer zurück, obwohl sich Oliver Baumann in der gesamten WM-Qualifikation bewährt hatte. Und er ließ den 40-Jährigen auch immer spielen. Beim 1:2 gegen Ecuador patzte der Bayern-Goalie. Das Problem war: Vor dieser Partie ließ Nagelsmann Baumann über seinen „Co“ Andreas Kronenberg ausrichten, dass er wieder nicht spielt.
Anders hatte es Jürgen Klinsmann vor 20 Jahren gemacht, als er Oliver Kahn ausbootete – er hatte ihm die Entscheidung persönlich bei einem Kaffee mitgeteilt.
Der 38-jährige Nagelsmann gilt aber als einer, der sich hinter seine Spieler stellt. Zu oft, was Kritiker auf den Plan ruft. Nach dem überaus blassen 2:0 gegen Luxemburg begründete er seine auffällig sanfte Halbzeitansprache damit, dass die Mannschaft „gerade nicht verträgt, wenn man super draufhaut“.
Wenig später wünscht er sich von Experten „eine andere Wortwahl“. Nach zwei Niederlagen im Nations-League-Finalturnier resümierte er: „Am Ende, was ist passiert? Wir haben zwei Spiele verloren.“ Der nicht zwingend für seine Diplomatie berühmte Uli Hoeneß meinte zur mangelnden Kritikfähigkeit des Bundestrainers: „Ihm fehlt diese Bereitschaft, zuzuhören und anzunehmen“.
Kritiken
Nach der Niederlage gegen Ecuador kam Kritik aus der ganzen Welt, die wohl auch an Nagelsmann wieder abprallt. „Diese Mannschaft braucht Orientierung“ schreibt die französische L’Equipe, die spanische Marca sieht gar eine „deutsche Mannschaft, die bei dieser WM zusehends abbaut“. Und Nagelsmann? Der betonte immer wieder, dass er in einem K.o.-Spiel anders gewechselt hätte. Und ließ durchklingen, dass das Spiel bedeutungslos war.
Jenes von heute ist es nicht. In Boston wartet Paraguay (22.30), bei einem Sieg Frankreich. Aber die Deutschen sind gut beraten, nicht den Fehler von 1994 zu begehen. Damals dachte man an ein Semifinale gegen Italien und ein Finale gegen Brasilien. Ehe Bulgarien …
Source:: Kurier.at – Sport



