
Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, schließt einen vorzeitigen Rückzug von ihrem Amt nicht grundsätzlich aus. In einem Interview mit Les Echos dachte die Französin laut über diese Möglichkeit nach und die Option, sich 2027 in den Präsidentschaftswahlkampf in ihrem Heimatland einzubringen. Auf die Frage, ob sie einen Kandidaten aktiv unterstützen könnte oder gar selbst Ambitionen auf das Präsidentenamt habe, blieb sie vage.
Lagardes reguläre Amtszeit läuft bis Ende Oktober 2027. Im April 2027 stehen in Frankreich Präsidentschaftswahlen an. Der von Jordan Bardella geführten rechtsgerichteten und europaskeptischen Partei Rassemblement National (RN) werden in Umfragen Chancen eingeräumt, das Rennen um den Chefposten im Elysee-Palast zu gewinnen. Präsident Emmanuel Macron darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten.
Im Februar wurden Spekulationen noch dementiert
Nach ersten Spekulationen um einen vorzeitigen Rückzug hatte Lagarde noch im Februar ihre Absicht bekräftigt, ihre Amtszeit bis zum Ende zu absolvieren. Die Financial Times hatte damals berichtet, die 70-Jährige könnte ihr Amt als EZB-Präsidentin vorzeitig niederlegen, um Macron noch ein Mitspracherecht bei der Bestimmung ihrer Nachfolge zu ermöglichen. Lagarde verwies gegenüber Les Echos auf ihre Aufgabe, Preisstabilität zu gewährleisten:
„Angesichts der Tatsache, dass wir erneut eine turbulente Phase durchleben, bin ich der Meinung, dass der Kapitän des EZB-Schiffs an Bord bleiben muss.“ Auf die Frage, ob sie sich bei einer Beruhigung der Lage einen vorzeitigen Rückzug vorstellen könne, um sich 2027 in den französischen Präsidentschaftswahlkampf einzubringen, sagte die Französin: „Das ist möglich. Ich bin überzeugt, dass in der französischen Präsidentschaftsdebatte eine europäische Stimme gehört werden muss.“
Was Marktbeobachter dazu sagen
„Spekulationen über einen vorzeitigen Rücktritt Lagardes hat es zuletzt immer wieder gegeben. Eine unmittelbare Rücktrittsankündigung besteht weiterhin nicht“, sagte Chefvolkswirt Alexander Krüger von ABN Amro Deutschland am Freitag zu den Interview-Äußerungen. Ein vorzeitiges Amtsende werde dann wahrscheinlich, wenn die Inflationsrate sich dem Zwei-Prozent-Preisziel angenähert habe. „Diese Mission dürfte aber erst im Frühjahr 2027 erfüllt sein. Die EZB wird ihre inflationsfokussierte Haltung unter ihrem Nachfolger beibehalten“, sagte Krüger.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer vermutet, dass Lagarde verhindern möchte, dass die französische Rechte bei einem Einzug in den Elysee-Palast einen Einfluss auf die Bestellung eines neuen EZB-Präsidenten hat. „Das war auch schon der Grund, warum der französische Zentralbankchef Villeroy sein Amt vorzeitig niedergelegt hat“, sagte Krämer. Francois Villeroy de Galhau hatte seinen Posten im Juni vorzeitig geräumt. Die Nachfolge trat der Macron-Vertraute Emmanuel Moulin an. Villeroy hatte seinen Rückzug bereits im Februar angekündigt. Er führte dafür persönliche Gründe an.
Lagarde: Das war nur ein Scherz
In dem Interview mit Les Echos schloss Lagarde nicht aus, dass sie sich schon in den kommenden Monaten als EZB-Präsidentin in die Wahlkampfdebatte einschalten und dabei auch in eine offene Diskussion mit Kandidaten eintreten könnte: „Ich würde ihnen sagen, dass Frankreich eine entscheidende Rolle für die wirtschaftliche Zukunft unseres Kontinents spielen muss. Und dass ohne dieses europäische Umfeld und diese Verankerung unsere wirtschaftlichen Perspektiven zumindest ungewiss wären“, sagte Lagarde.
Auf die Frage, ob sie einen Kandidaten aktiv unterstützen könnte oder gar selbst Ambitionen auf das französische Präsidentenamt habe, blieb sie vage: Sie werde „darüber nachdenken“, ließ sie die Interviewer wissen, die daraufhin nachhakten. Darauf erwiderte sie: „Nein, das war …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



