
Als der 10-jährige Miguel dazu verdonnert wird, den Fußball zu holen, ist ihm mulmig zumute. Denn das runde Leder ist ausgerechnet in jenem verfallenen Haus gelandet, in dem eine Hexe leben soll. Und zwar eine, die Kinder frisst.
Doch als Miguel durch die überwucherte Ruine klettert, macht er eine ganz andere Entdeckung: In einem Loch in der Erde kauert ein gleichaltriger Bub, am Bein eine schwere Kette und fest davon überzeugt, tot zu sein. Miguel rennt vor Schreck davon, aber kann nicht aufhören, an den Buben zu denken. Und daran, dass er den Kochtopf seiner Mutter dort herumstehen gesehen hat.
Die sechsteilige Netflix-Serie „Ich habe keine Angst“ (Originaltitel: „No tengo miedo“) erzählt von einem Verbrechen, das der kindlichen Unbeschwertheit des Protagonisten ein jähes Ende setzt. Die Handlung basiert auf dem Roman „Io non ho paura“ des italienischen Schriftstellers Niccolò Ammaniti, 2003 von Oscar-Preisträger Gabriele Salvatores erfolgreich verfilmt.
An die Stelle der trockenen Felder des wirtschaftlich abgehängten Süditaliens treten nun die saftigen Nebelwälder Mexikos, in denen Naturgeister und andere geheimnisvolle Wesen hausen sollen. Es ist das Jahr 1986 und das ganze Land fiebert bei der Fußball-WM in der Heimat mit. Doch im Dorf von Miguel (Aldo Emiliano Navarro) mischt sich unter die Feierlaune noch etwas anderes. Denn die finanzielle Not treibt die Erwachsenen, die bis zum Einfall eines Schädlings vom Kaffeeanbau lebten, zum Äußersten.
Orangen und Maradona
Langsam merken auch die Kinder, dass irgendetwas nicht stimmt. Weil Miguels Cousin Chuy und seine Eltern plötzlich verschwunden sind. Oder die Erwachsenen spätabends noch diskutieren. Und dann ist da der Bub im Erdloch.
Miguel erfährt, dass er Felipe (Yago Andreu) heißt, und besucht ihn jeden Tag. Mal bringt er ihm Orangen, ein anderes Mal einen Sticker von Diego Maradona, den beide anhimmeln. Miguel beschließt, seinen neuen Freund zu retten. Und begreift schließlich, dass seine geliebten Eltern in die Sache verwickelt sind.
Im Gegensatz zum Original konzentriert sich die Serie nicht nur auf die Sicht der Kinder, sondern beleuchtet auch die Perspektivlosigkeit der Eltern. Den Serienmachern (auch verantwortlich für die ähnlich gelagerte Netflix-Produktion „El secreto del río“) ist eine bedrohlich-spannende und visuell ansprechende Mischung aus Thriller und Sozialdrama gelungen. Darin muss man sich vielleicht gar nicht vor Hexen und Geistern fürchten, sondern eher vor der Realität der Erwachsenen.
Source:: Kurier.at – Kultur



