
„Arbeiten“, „dem Elend entkommen“, „meiner Mutter Geld nach Hause schicken“: Reporter – auch jene des KURIER – die sich in diesen Tagen im spanischen Ceuta auf die Spur des Ansturms Zehntausender junger Marokkaner machten, bekamen überall ähnliche Sätze zu hören: Wünsche, die ziemlich scharf widerspiegeln, was diese Menschen dazu gebracht hatte, ihr Leben zu riskieren, um es über die Grenze zu schaffen. Sie hatten sich auf die Suche nach einer Zukunft gemacht, die ihnen ihr eigenes Land nicht geben konnte.
Den nackten Zahlen zufolge sollte sich das Land in Nordafrika eigentlich bereits auf dem Weg in diese Zukunft befinden. Die Wirtschaft hat Wachstumsraten über fünf Prozent, eine Auto- und Luftfahrtindustrie ist entstanden, in den großen Städten des Landes sind prestigeträchtige Infrastrukturprojekte zu bestaunen. Wolkenkratzer, oder Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnstrecken.
Doch dieser Aufschwung macht sich in Zahlen und Fotos bemerkbar, nicht im Leben junger Marokkaner. „Die Früchte dieses Wirtschaftswachstums erreichen die meisten Marokkaner nicht“, meint ein Wirtschaftsexperte in Rabat gegenüber der britischen Zeitung „Financial Times“. Der Aufschwung findet nur in einem kleinen Teil des Landes statt, in den Städten an der Küste im Nordwesten. Der ländliche Raum, in dem weiterhin der Großteil der Menschen lebt, bekommt davon wenig mit. Viele junge Leute, die ihre Heimatdörfer verlassen, um dort gute Ausbildung und dann gute Jobs zu finden, werden bitter enttäuscht. Die Konkurrenz ist groß – die Hälfte der Marokkaner ist unter 30 – und die Bezahlung für junge Mitarbeiter in vielen Firmen beschämend niedrig.
Während schon die allgemeine Arbeitslosigkeit in Marokko rund 13 Prozent beträgt, ist die bei jungen Marokkanern drei mal so hoch. Das drückt die Löhne. Leben, so erzählen junge Angestellte in den Glastürmen Rabats, könne man von diesen Gehältern nicht und schon gar nicht, sich eine Zukunft aufbauen. Daran ändern auch Prestigeprojekte wie der nach König Mohammed VI. benannte Wolkenkratzer in der Hauptstadt, oder ein neues Eishockeystadium – etwas seltsam für einen Wüstenstaat – wenig.
Wenig Spielraum für Meinungsfreiheit
Doch die Unzufriedenheit von Marokkos junger Generation wird nicht nur den schwierigen materiellen Verhältnissen befeuert, sondern auch von der autoritären Politik des Königshauses, die die Spielräume für die politische Opposition und die Meinungsfreiheit weiterhin stark einschränkt. Marokkos Demokratie wird von oben gesteuert, dazu kommt eine grassierende Korruption, die jenen Jungen, die nicht der gesellschaftlichen Elite angehören, kaum Chancen auf Aufstieg, oder persönliche Entwicklung bietet.
Rap-Musik als Ventil für Frustration
Doch Marokkos GenZ sucht sich die Ventile für ihre Frustration, das ist vor allem die Musik. Das Land hat eine blühende Rap-Kultur, die Stars wie Mehdi Black Wind hervorgebracht hat. Doch sobald deren Texte zu kritisch werden, schlagen die staatlichen Behörden zu. Es kam zu Dutzenden offensichtlich willkürlichen Verhaftungen von Künstlern wie eben Mehdi Black Wind. Das trieb die jungen Menschen empört zu Zehntausenden auf die Straße. Die GenZ-Proteste im Vorjahr setzten Staat und Königshaus massiv unter Druck – und die schlugen zurück. Die Proteste wurden zerschlagen, Tausende Aktivisten verhaftet, viele davon sitzen immer noch im Gefängnis.
Während König Mohammed VI. zurückhaltend agiert, gibt es rund um ihn mächtige Drahtzieher – man spricht vom Makhzen, dem „Palast“ – die ihre Privilegien und …read more
Source:: Kurier.at – Politik



