„Muttersuchen“ von Peter Henisch: Die Kernfamilie ist jetzt komplett

Kultur

Mitten durch den Wald, mitten in der Nacht führt sie ihn im Kinderwagen auf holprigem Weg weg von den nahenden Russen. Mit dieser energischen Mutterrettungstat fängt ein Nachkriegsliteratenleben an, und so fängt auch jenes Buch an, mit dem der große, stille österreichische Autor Peter Henisch einen Kreis in seinem Werk schließt.

Mit „Die kleine Figur meines Vaters“ setzte er sich auf die Landkarte, mit „Muttersuchen“ nun trägt er mehr als ein halbes Jahrhundert später das Leben des anderen Elternteils nach. Seine Mutter bleibt dabei weit weniger klar größendefiniert als der kleine Vater: Rosa, so liest man, führte ein kleines Leben im Großen und ein großes Leben im Kleinen.

Es ist kompliziert

Die Schilderungen dieses Lebens summieren sich auf feinfühlige Art zu einem Bild davon, wie Familie so funktioniert, wie komplex und kompliziert es ist, in so einem Verbund ein Eigenes zu bleiben. Und auch, wie das Leben in Österreich nach dem Krieg so war.

Denn, klar, Flucht vor der Vergangenheit gibt es eigentlich keine. Hinter den Erzählungen von Heiratsantrag und Lebenssorgen, neben den Schilderungen der Verletzungen, die die Eltern einander zufügen, und der Liebe, die dann doch Bestand zu haben schien, hört man es heraus, das heimische Herumgedruckse nach dem Krieg. Es muss ja weitergehen, und so darf der ehemalige NS-Propagandafotograf weiter arbeiten, man muss ja nicht nachfragen.

Es ist auch ein Buch über diesen Aufschwung, der nach alldem über die Menschen hereinbrach. Über das eine Zimmer, das noch die Bombenspuren trägt, und zu dem man halt einfach die Tür zulässt. Über das Staunen über Normalität und jene besonderen Tage (Burgtheaterpremiere!), an denen man sich selbst beobachtet. Es ist ein liebevolles Buch, und das heißt hier: ein Buch darüber, wie wir alle gemeinsam unvollkommen sind – und bleiben.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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