Kunst und offene Wunden: Muehl-Ausstellung im „WAM“ löst Protest aus

Kultur

 Ein Pfeifkonzert begrüßte die Medienvertreterinnen und Medienvertreter, die am Dienstag zur Pressekonferenz in die Wiener Weihburggasse gekommen waren. Als „Tätermuseum“ brandmarkte ein Transparent die dort angesiedelte Institution, man hörte heftige Anklagen durchs Megafon: „Verantwortung statt Personenkult!“ oder „Wer Muehl heute verkauft, verkauft Verdrängung!“

Klaus Albrecht Schröder, der nach seinem Abgang von der Albertina vor einem Jahr die Geschäftsführung des „Wiener Aktionismus Museum“ (WAM) übernommen und die aktuelle Schau zu Otto Muehl eingefädelt hatte, schien von den Ereignissen nicht ungerührt zu sein.

Angespannt

In der ungewohnt angespannten Gesprächsrunde, die auf die Protestaktion folgte, beharrte er aber doch auf einer Lesart, die viel Angriffsfläche bot: Das WAM sei ein Kunstmuseum, und Otto Muehl, der gelernte Kunstpädagoge, der in den 1960ern zu einem Protagonisten des Wiener Aktionismus avancierte, dann aber ein autoritäres System schuf, das im sexuellen Missbrauch von Minderjährigen gipfelte, sei eben – auch – ein wichtiger Künstler gewesen.

Eloquent wie stets brachte Schröder eine Litanei von Referenzen an die Avantgarden der Zeit vor. Doch diesmal klang es wie ein Ausweichmanöver: Denn Muehls „Aktionsanalytische Organisation“, die zu Spitzenzeiten um die 800 Mitglieder zählte und in deren Einflusssphäre rund 160 Kinder geboren wurden oder aufwuchsen, ragte einfach in zu viele Sphären hinein. Sie hinterließ zu viele komplexe Lebensverläufe, wobei diese auf keinen Nenner zu bringen sind: Erzählungen reichen von tiefer Traumatisierung bis zu ungebrochener Bewunderung.

Vor diesem Hintergrund greift die Rede von der „Trennung von Künstler und Werk“, die sich bei charakterlich auch nicht gerade lupenreinen Persönlichkeiten wie Pablo Picasso noch irgendwie argumentieren ließe, zu kurz.

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Wer Muehl sagt, meint nicht nur einen Menschen, sondern ein System. In diesem sollte „der Traum, die Ahnung der Avantgarde der Moderne nicht einfach nur weitergeträumt, sondern verwirklicht werden“, wie der einstige MAK-Direktor Peter Noever 2004 voll Bewunderung schrieb: „Auf der Tagesordnung stand die Durchdringung der Kunst als Leben.“

Im WAM erscheint dagegen alles ziemlich aufgeräumt: Die Relikte der um 1961 ausgeführten Attacken gegen Leinwand-Tafelbilder und die „Gerümpelplastiken“ Muehls erscheinen auf der Eingangsebene in perfektem Licht, flankiert von einem Werk Adolf Frohners, der ähnliche Experimente tätigte.

Rein, unrein, unrund

Der gelernte Kunstbetrachter weiß natürlich, dass so eine Inszenierung Pseudoneutralität vorgaukelt: Sie suggeriert die Reinheit einer Avantgarde, in der der Aufbruch zunächst einmal formal-ästhetischer Natur ist.

Gleichwohl betonen Werktexte den Gestus des Tabubruchs und die Auflehnung gegen das Ebenmäßige als Muehls Reaktion auf die Gräuel des Krieges. „Von der Zerstörung des Bildes zu der Vernichtung des Menschen“ lautet eine Kapitelüberschrift, „Destruktion als Gestaltung“ eine andere: Worte, die nicht nur von Opfern mehrdeutig gelesen werden können.

Inwieweit die frühen Werke Muehls auf seine in der Kommune ausgelebte Menschenverachtung vorausweisen, wird in der Szene stark diskutiert. In Fotos von Aktionen wie „Versumpfung einer Venus“ (1963) fällt jedenfalls auf, dass der Akteurin kein Handlungsspielraum eingeräumt wird – anders als etwa bei vergleichbaren Aktionen von Günter Brus, der sich von Muehl bald distanzierte. Heftigeres wie die Performance „Manopsychotisches Ballett“ (1970), bei der Muehl eine Frau mit einem Nudelholz penetrierte, spart die Schau aus, ebenso Bilder, auf denen Opfer von Gewalt zu sehen sind.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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