
Als der amerikanische Dokumentarfilmemacher Alex Gibney bei dem reichsten Mann der Welt anfragte, ob er ihm ein Interview geben würde, war die Antwort eindeutig: „Douchebag“ kam zurück – was in der deutschen Übersetzung so ziemlich alle Bedeutungen zwischen Kotzbrocken und Arschloch abdeckt.
Nein, Elon Musk würde dem „Douchebag“ Alex Gibney kein Interview für seine Doku „Musk“ geben – eine Ansage, die Gibney wiederum mit der ironischen Replik „Douché“ parierte. Anstelle des echten Interviewpartners kreierte Gibney, inspiriert von Musks Faszination mit künstlicher Intelligenz, einen fotorealistischen, etwas trashigen Musk-Avatar, der all jene Sätze spricht, die der Tesla-Besitzer im Laufe seiner Karriere von sich gegeben hat. Akribisch sammelte Gibney vier Jahre lang investigatives Material und schichtete es zu einer dichten, vierstündigen und höchst beunruhigenden Dokumentation über den unberechenbaren Tech-Billionär. Streckenweise in seiner Detailverliebtheit und videogameaffinen Erzählweise etwas anstrengend, fördert Gibney dennoch immer wieder verblüffende Details zutage. So ist Musk beispielsweise keineswegs der Tesla-Gründer, für den ihn alle halten; die hießen nämlich Martin Eberhard und Marc Tarpenning.
Legion von Nachkommen
Die weltweit verbreitete Annahme von Musk als Tesla-Gründer ist nur eine von vielen glorifizierenden Narrativen, die der Meister der Selbstdarstellung über sich in Umlauf gebracht hat. Den Mythos über die „selbstfahrenden Autos“ zerstört Gibney gleich mit, wenn er von tödlichen Unfällen mit Tesla-Fahrern im Autopilot-Modus berichtet, die später von der Firma abgestritten wurden, um Schadenersatzklagen abzuwenden.
Wie aus einem jungen Mann mit fliehendem Haaransatz eine Symbolfigur rechtspopulistischer Politik mit der Kettensäge in der Hand wurde, kann letztlich auch Gibney nicht restlos erklären. Wenn aber Musks Ex-Freundin, die Influencerin Ashley St. Clair erzählt, dass Musk halbscherzend zu ihr gemeint habe, er unterstütze Trump, weil ihm unter einer Wiederwahl der Biden-Regierung eine Gefängnisstrafe drohe, kommt man der Wahrheit aber vielleicht schon näher.
Vierzig Millionen Euro habe er ihr geboten, wenn sie auf einen Auftritt in der Doku verzichte, berichtet Ashley St. Clair auf der Pressekonferenz in Venedig. Tatsächlich rinnt es einem kalt über den Rücken, wenn sie in dem Film von Musks Vorhaben redet, möglichst viele Kinder mit möglichst vielen Frauen – den sogenannten „Breeders“ – in die Welt zu setzen. Warum? Um sich mit seiner „Legion von Nachkommen“ für einen drohenden Bürgerkrieg zu rüsten.
Bunker bauen
Angst vor zivilen Unruhen, einer Umweltkatastrophe oder einer Pandemie hat auch jener IT–Tycoon, der in Florian Zellers schlichtem Drama „Bunker“ einen Luxus–Bunker bauen möchte. Zu diesem Zweck will er für sehr viel Geld einen prominenten Architekten namens Miguel engagieren.
Miguel zögert. Seine Frau Sofia hasst die Tech-Branche von Silicon Valley und rät ihm ab. Trotzdem lässt sich Miguel zu einem Zoom-Meeting mit seinem potenziellen Auftraggeber hinreißen. Paul Dano spielt den eloquenten Superreichen mit Kindergesicht und sanfter Stimme – und fast könnte man meinen, Elon Musk persönlich sei ihm Pate gestanden.
Der französische Regisseur Florian Zeller, dessen Drama „Der Vater“ mit einem Oscar belohnt wurde, schrieb die Rollen des Ehepaars in der Krise exklusiv für das spanische Schauspiel–Ehepaar Javier Bardem und Penélope Cruz. Es ist vor allem ihr elektrisierendes Zusammenspiel, was „Bunker“ sehenswert macht.
Zeller hat viel zu sagen über eine Welt, in der die Einkommensschere innerhalb der Bevölkerung immer …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



