
Morgen beginnt in Ostösterreich das neue Schuljahr. Auch in den Klassenzimmern spielt die Künstliche Intelligenz eine immer wichtigere Rolle. Für Autor Andreas Salcher, der sich intensiv mit dem Thema befasst hat, steht das Schulsystem vor seiner größten Herausforderung.
KURIER: Beginnen wir mit einem Sonderfall – auch wenn wir nicht wissen, wie oft das bereits vorkommt: Ein Schüler lässt eine KI die Hausübung schreiben, ändert drei Sätze, um es nach seinem Stil aussehen zu lassen – und die Lehrerin lässt die Hausübung womöglich von einer KI korrigieren. Wenn KI-Texte von KI benotet werden: Wozu gibt es die Hausübung dann noch?
Andreas Salcher: Wenn KI-Ergebnisse von KI-Modellen bewertet werden, führt sich das Schulsystem selbst ad absurdum. Da können wir gleich alle nach Hause schicken, um etwas Sinnvolles zu tun.
Völlig abwegig ist das Beispiel dennoch nicht.
Nein. Neunjährige Mädchen schreiben der KI: „Ich bin neun Jahre alt und nicht gut in Mathe. Bitte rechne mir diese Hausaufgabe so auf einen Zweier aus, dass es für meinen Lehrer glaubhaft ist.“ Das klassische Lernen wird damit zur reinen Simulation.
Können Lehrer überhaupt KI-Texte erkennen?
Es gibt derzeit keine treffsichere Software, die herausfindet, ob etwas mit KI geschrieben wurde. Ein Test mit Thomas Manns „Zauberberg“ ergab angeblich, der Text sei zu 70 Prozent KI-generiert – das ist kompletter Blödsinn. Was Lehrer lernen müssen, sind neue, clevere Fragetechniken. Ein kompetenter Lehrer findet bei einer verdächtig fehlerfreien Hausarbeit mit zwei gezielten Fragen im persönlichen Gespräch sofort heraus, ob der Schüler den Inhalt wirklich verstanden hat.
Was heißt das für den Schulalltag?
Die klassische Hausübung in dieser Form ist mausetot. Gelernt wird heute ohnehin zu Hause mit Nachhilfe oder den Eltern – was die soziale Kluft jener, die es sich leisten können und Zugang zu solchen Systemen haben, weiter vertieft.
Wie soll dann der Unterricht aussehen im neuen KI-Zeitalter?
Nur ein Beispiel: Aus meiner Sicht müssen wir künftig reale Rechercheaufgaben stellen, die man nicht einfach googeln oder generieren kann. Montagmorgen in einer 4B Deutsch würde das zum Beispiel lauten: Da draußen im Restaurant am Fleischmarkt ist angeblich der liebe Augustin in eine Pestgrube gefallen, ohne dass ihm etwas passiert ist. Geht in Dreiergruppen hinaus und findet heraus, ob es ihn wirklich gegeben hat. Sucht zwei weitere Mythen, die diese Stadt beherrschen. Führt Interviews mit Historikern oder Passanten und schreibt darüber einen gemeinsamen Bericht. Solche handlungsorientierten Aufgaben kann man in jedem einzelnen Schulfach einbauen.
Sie meinen auch, ein KI-Tutor erklärt und lehrt in einer Stunde besser als fünf Stunden Frontalunterricht – und die Schule verliert durch die KI ihr Wissensmonopol. Stellen Sie damit die Schulpflicht infrage?
Das ist eine völlig berechtigte Frage. Wenn ein intelligenter Schüler sich mithilfe der KI gezielt vorbereitet, seine Hausübungen optimiert und nur Einser und Zweier bei Tests und Schularbeiten schreibt – warum soll der sich noch fünf Stunden am Tag in einem Klassenzimmer langweilen? Wenn Eltern private Lerngruppen organisieren und die Kinder zu Hause mit hoch entwickelten KI-Tutoren lernen lassen, verliert die Schule aus meiner Sicht ihre Daseinsberechtigung als reine Wissensvermittlungsanstalt.
Und welche Aufgaben sollen die Pädagoginnen und Pädagogen dann übernehmen?
Die reine „Belehrungsschule“ ist doch am Ende. …read more
Source:: Kurier.at – Politik



