Houchang Allahyari: „Es müsste weltweit Tausende solcher Schulen geben“

Kultur

Gabriele Flossmann

Auch mit 85 Jahren arbeitet der österreichisch-iranische Regisseur Houchang Allahyari (85) noch in seinem Hauptberuf als Psychiater und Neurologe. Und immer noch dreht er Filme. Nach seinen in und um Wien spielenden Spielfilmen wie „I Love Vienna“ (1991) dreht er nun Dokus, in denen er sein Herkunftsland, den Iran, porträtiert.

In seiner neuesten Doku „School of Working Children“ geht es um Integration und Bildung von Kindern. Damit trifft Allahyari einen empfindlichen Nerv unserer Zeit. Denn mehr als 43 Millionen Kinder weltweit sind auf der Flucht. Hunderttausende stellen pro Jahr ihren Erstantrag auf Asyl in der EU. Wie könnte man diese Minderjährigen am besten integrieren? Wie könnte man sie davon abhalten, überhaupt diese meist gefährliche Flucht anzutreten? Allahyari gibt in seiner Doku mögliche Antworten auf beide Fragen: Am Beispiel einer Schule in Teheran, die – großteils aus Afghanistan geflüchtete – Straßenkinder unterrichtet, um ihnen Integration und ein besseres Leben zu ermöglichen. Allahyari drehte heimlich in Teheran. Nun wird der Film in Österreich gezeigt: Heute, Sonntag, und am 20. September im Wiener Gartenbau-Kino und am 15. September im Rechbauer-Kino in Graz.

KURIER: Es fällt auf, dass Sie sich in Ihren früheren Spielfilmen mit österreichischen Menschen und Themen auseinandergesetzt haben, während Sie sich in Ihren neuen Dokus auf Beobachtungsreisen in den Iran begeben. Woran liegt das?

Houchang Allahyari: Meine frühen Filme hatten das Ziel, Österreich kennenzulernen und mich zu integrieren. Damals war allerdings das Wort „Integration“ kaum im Sprachgebrauch, weil sich niemand dafür interessiert hat, wie man sich hierzulande einleben kann. Für mich war es der beste Weg, Österreich mit den Mitteln des Humors zu begegnen und so sind auch meine Gesellschaftskomödien entstanden. In die Kehrseite des Nicht-Integrierens habe ich als Psychiater tiefe und auch tragische Einblicke bekommen. Aber wirklich integriert – um bei diesem Wort zu bleiben – hat mich meine Familie. Meine Frau und meine Kinder sind Österreicher.

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Und wie fühlen Sie sich jetzt?

Ich bin zu einem Österreicher geworden und werde es auch bleiben. Aber wenn Sie Zeitungen lesen oder Fernsehnachrichten sehen, kommen nahezu täglich Berichte aus dem Iran. Dadurch wurde auch mein Interesse an dem Land, aus dem ich ursprünglich komme, immer größer.

Wie haben Sie es geschafft, dort die Doku „School of Working Children“ zu drehen?

Ich konnte nur heimlich drehen. Das lag nicht nur daran, dass unter den arbeitenden Kindern, die ich zeige, auch viele Flüchtlinge aus Afghanistan sind, die illegal in Teheran leben. Es ist im Iran generell schwer, Filme zu machen, weil dem Mullah-Regime Intellektuelle und Kreative generell suspekt sind. Dabei gibt es im Iran viele großartige Filmemacher. Mutige junge Leute aus der Filmbranche haben mir bei den Dreharbeiten geholfen. Auch der Tipp, dass es diese aus Spenden finanzierte Schule für Straßenkinder gibt, kam von zwei Frauen aus dem Iran.

Glauben Sie, dass europäische Regierungen statt Abschiebe-Zentren im Ausland lieber solche Schulen finanzieren sollten, damit die Kinder gar nicht erst zu Wirtschaftsflüchtlingen werden?

Die Schule, die ich zeige, ist nur ein Tropfen auf diesem heißen Stein. Um die Massenmigration tatsächlich einzudämmen, müsste es weltweit Tausende solcher Schulen geben. Aber eine Schule ist zumindest …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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