
Wenn der Schalter umkippte, sie auf Sendung ging, war sie in einer anderen Welt. ,Es ist meine Welt. Viel besser als die, in der ich sonst leben muss’.“
So ist das mit Radio. Und mit Eva Seeger, Moderatorin und die Stimme bei Radio Luxemburg in den 1930/40er-Jahren, Hauptprotagonistin im Roman „Wellenlänge“.
Und so ist das auch mit Hörern. Von Radio Luxemburg. Zu der Zeit ist es Felix, Kind in den Wirren des beginnenden großen Krieges und eifriger Hörer der Stimme und der swingenden, „volkszersetzenden“ amerikanischen Musik, die aus dem Äther dringt.
Wolfgang Böhm hat einen historischen Roman rund um das Phänomen Radio Luxemburg geschrieben. Jenes Radio, das in den 1960er-Jahren dann noch einmal die Kinder- und Jugendzimmer in halb Europa eroberte. Als es noch kein Ö3 oder Bayern 3 mit Endlosschleifen junger Musik und Moderatorengeplauder gab, sondern als man sich Beatles, Chuck Berry, die Stones noch über Mittel- oder Kurzwelle am kleinen Telefunken- oder später Hitachi-Radio holen musste – aus Luxemburg.
Was die wenigsten wussten: Radio Luxemburg hatte schon mehr als ein Vierteljahrhundert davor eine gesellschaftspolitische Funktion. War Hoffnung für viele, die nicht an den Propagandafunk am Volksempfänger glaubten, sondern staunend dem lauschten, was aus dem kleinen Großherzogtum weit ins Deutsche Reich und seine Nachbarländer drang.
Davon erzählt der akribisch recherchierte Roman des Journalisten und Autors Böhm, dem schon für seinen Erstling „Zwischen Brüdern“ viel Anerkennung gezollt wurde. Wie in diesem Werk über den Aufbruch und die Abgründe der 1920er- und 30er-Jahre – erzählt anhand der Geschichte seines spät „entdeckten“ Großvaters – hat Böhm auch diesmal historische Fakten mit einem spannenden, an wahre Personen angelehnten Plot verwoben.
Besagte Eva Seeger, Tochter einer Halbjüdin in Berlin, muss als beliebte Moderatorin des Luxemburger Senders Europa verlassen, als die Deutschen das Großherzogtum und Frankreich überfallen. Sie flieht mit ihrer Lebenspartnerin nach New York, dockt bei Voice of America an, kehrt nach London zurück und hadert damit, dass die Sender, die nach Deutschland hinein strahlen, die Wahrheit über die Judenvernichtung den Hörern nicht zumuten wollen – weil das Zielpublikum, das nicht glauben würde. Eine lesbische Moderatorin will der Sender nach dem Krieg seinem Publikum übrigens auch nicht zumuten …
Felix Trimml ist elf, als der Krieg beginnt („An diesem 1. September gab es Bratwurst“), hört Radio Luxemburg und die Stimme, leidet später unter dem Verschwinden seiner jüdischen Schulfreundin und der Einsamkeit unter seinem unter der Nazi-Herrschaft verängstigten Vater. Felix wird wegen Feindsender-Hörens zur HJ und in die Munitionsfabrik verdonnert, zu Kriegsende eingezogen, verletzt, gefangen genommen, von den Amerikanern gefördert …
Das klingt nach vielen Klischees, die da aufeinandertreffen, aber was heißt Klischees: So waren die Realitäten. Böhm fügt sie in einer behutsamen Sprache zu einem dichten Bild, durchwoben mit Hits von damals, von Judy Garlands „Over the rainbow“ bis „Bei mir bist du schön“ der Andrew Sisters. Vor allem aber zu einem Bild des Radio-Lauschens, Radio-Hörens, Radio-Machens des legendären Senders Radio Luxemburg.
Source:: Kurier.at – Kultur



