
Der Goldene Löwe für den besten Film geht an die dänische Regisseurin May el-Toukhy und ihr elegant unterkühltes Historiendrama „Woman Unknown“. Maggie Gyllenhaal setzte damit als Präsidentin der Jury ein klares Zeichen, denn „Woman Unknown“ war der einzige von 21 Filmen im Wettbewerb von Venedig, der von einer Regisseurin stammt. Tatsächlich wurde noch eine zweite Frau von Festivalchef Alberto Barbera in den Wettbewerb eingeladen, allerdings als Co-Regisseurin: Rachel Szor führte mit ihrem Partner Yuval Abraham Ko-Regie bei der israelischen Doku „NAZA“, die verstörende Einblicke hinter die Kulissen der militärischen Einsätze in Gaza bot; das israelische Regie-Duo wurde dafür mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.
„Woman Unknown“ erhielt gleich noch einen zweiten großen Preis: Der Coppa Volpi für die beste Schauspielerin ging höchst verdient an die dänische Newcomerin Mathilde Arcel. Sie verkörpert ausdrucksstark ein Dienstmädchen namens Marie, das in einem wohlhabenden dänischen Haushalt seinen Arbeitsroutinen nachgeht. Der Zweite Weltkrieg ging gerade zu Ende, und im aufgeheizten Nachkriegsklima sinnt man auf Rache an Nazi-Kollaborateuren. Frauen, denen man Verhältnisse mit Deutschen nachsagt, werden öffentlich die Köpfe geschoren. Marie ist mit dem betuchten Hausherren verlobt und sieht sich plötzlich mit einem dunklen Geheimnis aus ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Eindringlich und stilistisch formsicher erzählt May el-Toukhy davon, wie der weibliche Körper zum Schlachtfeld für nationale Identität und öffentliche Angelegenheiten wird: Sie wolle das Schicksal unbekannter Frauen in der Vergangenheit beleuchten, betonte die Regisseurin in ihrer Rede und bedankte sich bei Maggie Gyllenhaal dafür, dass sie Licht auf weibliches Filmschaffen werfe. Am Ende widmete sie den Preis ihrer Teenager-Tochter mit der Aufforderung: „Leg’ dein verdammtes Handy weg und mach die Augen auf! Erhebe deine Stimme für all jene, die man aufgegeben hat und die zum Schweigen gebracht wurden.“
Ähnlich eindringlich wandte sich auch der israelische Filmemacher Yuval Abraham an sein Publikum, als er gemeinsam mit Rachel Szor den Spezialpreis der Jury für „NAZA“ entgegennahm. Er sprach auf der Bühne von fortlaufenden tödlichen Gewalttaten gegen die palästinensische Bevölkerung und sagte: „Wir glauben, dass die Leugnung eines Verbrechens dazu beiträgt, dass es fortbesteht. Und deshalb ist es für uns wirklich, wirklich besonders wichtig, dass Israelis diesen Film sehen.“
Die israelische Armee weist Vorwürfe aus dem Film zurück. Ein Sprecher hatte in einer Reaktion auf „NAZA“ der Terrororganisation Hamas vorgeworfen, militärische Infrastruktur gezielt in zivile Gebiete einzubetten.
Startrampe für den Oscar
Das Filmfestival in Venedig versteht sich als Startrampe für die Oscarsaison – und empfiehlt heuer John Malkovich für den amerikanischen Höchstpreis. Malkovich erhielt für sein komisch-ironisches, aber tief empfundenes Spiel als melancholischer CIA-Agent in Martin McDonaghs exzellenter Satire „Wild Horse Nine“ den Coppa Volpi als bester Schauspieler.
Ein weiteres Highlight des diesjährigen Wettbewerbs, das herausragende Klassendrama „Possible Love“ des Südkoreaners Lee Chang-dong, erhielt den Großen Preis der Jury. Lee erzählt von der Begegnung zwischen einem Arbeiter- und einem Wohlstandspärchen und der fragilen Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Sie versuchen, durch wechselseitige Zuneigung gesellschaftliche Unterschiede zu überwinden, doch drängen unterschwellige Gefühle wie Klassendünkel und verdeckte Begehrlichkeiten beharrlich an die Oberfläche.
Über zwanzig Jahre arbeitet der russische Regisseur Ilja Chrschanowski, der seit 2007 dauerhaft außerhalb Russlands lebt und 2024 …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



