
Europa steht vor einem gewaltigen Investitionsbedarf. Geopolitische Spannungen, die Energiewende und die wachsende Bedrohung kritischer Infrastruktur setzen Regierungen und Unternehmen unter Druck. Gleichzeitig muss der Kontinent seine Verteidigungsfähigkeit ausbauen. Für Anleger bieten sich neue Möglichkeiten.
Rund 800 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen pro Jahr brauche es für den Ausbau der europäischen Resilienz, sagt Hannes Cizek, CEO von Raiffeisen Capital Management, und beruft sich auch die Europäische Investitionsbank. 70 bis 80 Prozent davon müssten aus privaten Quellen kommen. Eine wichtige Rolle könnten daher die Ersparnisse der Haushalte spielen: Rund 35 Billionen Euro hätten die Europäer insgesamt angespart.
Vom Sparbuch in die Wirtschaft
Für Cizek liegt darin eine „enorme Chance“. Wenn mehr Geld an den europäischen Kapitalmärkten investiert werde, komme es Unternehmen direkt zugute – und könne deren Investitionen in neue Technologien, Energieversorgung oder Infrastruktur finanzieren. Zugleich sei die Liquidität europäischer börsennotierter Unternehmen derzeit auf einem „Allzeithoch“, während Banken wieder mehr Kredite vergeben.
Für Anleger bedeutet das: Der Sicherheitsumbau Europas könnte sich zu einem langfristigen Investmentthema entwickeln. Dabei geht es um weit mehr als Panzer, Flugzeuge und Munition.
Sichere Telekommunikationsnetze, Stromversorgung, kritische Rohstoffe, Schienen, Cybersecurity und digitale Infrastruktur gehören ebenfalls zur europäischen Widerstandsfähigkeit. „Erst dieses Zusammenspiel macht eine Gesellschaft wehrhaft“, sagt Cizek.
Auch der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Army in Europa, Ben Hodges, sieht wachsenden Handlungsbedarf. Russland setze zunehmend auf sogenannte „Grauzonen-Operationen“ wie Sabotage, Luftraumverletzungen oder Drohungen. Gleichzeitig könnten die USA ihre militärische Präsenz in Europa reduzieren. Derzeit sind dort laut Hodges rund 80.000 US-Soldaten stationiert.
Europa habe grundsätzlich die Voraussetzungen, sich selbst stärker zu verteidigen: Wohlstand, Bevölkerung, industrielle Kapazitäten und technologische Fähigkeiten seien vorhanden. Es brauche aber den politischen Willen und entsprechende finanzielle Mittel.
Nicht nur auf Rüstung setzen
Für Anleger ist das durchaus relevant. Denn wo Staaten und Unternehmen über Jahre Milliarden investieren müssen, entstehen potenziell Märkte für jene Firmen, die die dafür nötige Technologie und Infrastruktur liefern.
Cizek verweist etwa auf den „European Resilience and Security Equity“-Fonds von Raiffeisen Capital Management. Er investiert schwerpunktmäßig in Energie, Rohstoffe und Infrastruktur, daneben in Technologie, Innovation und Gesundheit. Rüstungsunternehmen dürfen höchstens 35 Prozent des Fondsvermögens ausmachen, maximal ein Fünftel wird außerhalb Europas investiert.
Generell plädiert Cizek dafür, dass europäische Anleger stärker berücksichtigen, wohin ihr Kapital fließt. Zu viel Geld europäischer Sparer lande derzeit an den US-Kapitalmärkten. Ein stärkerer europäischer Kapitalmarkt wäre hingegen das beste Mittel, um jene Unternehmen zu finanzieren, die Europas Widerstandsfähigkeit erhöhen.
Allerdings gilt auch hier: Ein gesellschaftlich notwendiger Investitionsbedarf bedeutet nicht automatisch steigende Aktienkurse. Einzelne Branchen können bereits hoch bewertet sein, politische Entscheidungen können sich ändern und thematische Fonds sind weniger breit gestreut als klassische Weltaktienfonds.
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



