20 Jahre Bologna-Reform: Wie viel ist der Titel heute in Österreich wert?

Wirtschaft

Vor zwanzig Jahren hieß es für Studierende in Österreich: Abschied nehmen vom Diplomstudium. Ein neues, internationales Studiensystem sollte her – und mit ihm neue, englische Titel. Die Wirtschaftsuniversität Wien (WU) machte als erste Hochschule in Österreich Schritt für Schritt aus „Magister Max Mustermann“ einen „Max Mustermann, MA“. In vielen Studienrichtungen wurde die klassische Diplomstruktur durch Bachelor-, Master- und PhD-Programme ersetzt. Nur in einzelnen Studien bestehen die „alten“ Diplomstudien weiter, etwa in den Rechtswissenschaften. Begeisterung löste die Reform allerdings nicht überall aus.

Es folgte ein lautes „Nein“

Studierende gingen auf die Straße, protestierten gegen die Veränderungen und besetzten – auch in Wien – Hörsäle. „Wir tanzen nicht zu eurer Bolognese“ hieß es bei diversen Protesten auf Postern und Plakaten.

Daran erinnert sich auch Ingrid Wadsack-Köchl, Abteilungsleiterin für Universitätsrecht und Internationales Hochschulrecht im Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung. Die Reaktion auf die Bologna-Reform sei unterschiedlich ausgefallen. Studierende befürchteten überladene Bachelorstudien, weniger Wahlmöglichkeiten und mögliche Hürden beim Zugang zum Masterstudium. „Hinzu kam die Sorge, dass berufliche Verwertbarkeit gegenüber wissenschaftlicher Bildung zu stark in den Vordergrund rücken könnte“, sagt Wadsack-Köchl. Kritisches Denken werde nicht mehr ausreichend gefördert, alles drehe sich um einen möglichst schnellen Abschluss, hieß es damals bei den Protesten.

„Man hatte Angst vor einer stärkeren Verschulung und Modularisierung des Studiums und hatte Vorbehalte gegenüber den Veränderungen und Kosten, die das ausgelöst hat“, bestätigt auch WU-Rektor Rupert Sausgruber. Allerdings hätten sich diese Befürchtungen nicht erfüllt. Im Gegenteil: „Die Studierenden haben geschätzt, dass die Studien transparenter wurden, die Arbeitsbelastung pro Kurs nachvollziehbarer geworden ist und Kursleistungen durch ECTS-Punkte (European Credit Transfer and Accumulation System, Anm.) zwischen ausländischen und österreichischen Universitäten leichter übertragen werden konnten.“

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Positiv eingestellt waren dabei vor allem auch Vertreter der Wirtschaft, die eine „Aussicht auf gut und rasch ausgebildete junge Akademikerinnen und Akademiker begrüßten“, ergänzt Wadsack-Köchl. „Studierende können nach einem ersten Abschluss ins Berufsleben einsteigen oder ihre Kenntnisse in einem Masterstudium gezielt vertiefen.“ Das Bologna-System habe weitere Vorteile, wie Sausgruber erklärt.

Bologna-Reform als Teil einer Strategie

Die Internationalisierung war einer der Hauptgründe, warum die Wirtschaftsuniversität als erste Universität in Österreich beschlossen hat, auf das Bologna-System zu setzen. „Die WU Wien hat das damals als großen Teil der Internationalisierungsstrategie sehr willkommen geheißen, weil es eine Ausweitung des Hochschulraums bedeutet“, sagt Sausgruber. Österreichische Studierende hätten dadurch eine international anschlussfähige Ausbildung, und für internationale Studierende seien die WU-Programme attraktiver. Neben der Ausbildung sei auch die Internationalisierung der Lehrenden Thema: „Talentierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sehr mobil und profitierten von standardisierten Lehrangeboten“, so der Rektor.

„Was anfangs die Ängste waren: Kann so ein Studium denselben Wert signalisieren wie das alte Diplom und wird auch das Bachelorstudium am Markt anschlussfähig sein? Das ist weitestgehend gelungen.“ Ein Viertel der WU-Studierenden würde nach dem Bachelorabschluss in den Arbeitsmarkt einsteigen, drei Viertel würden weitere Ausbildungswege verfolgen – etwa nationale oder internationale Masterprogramme.

„Durch die Schnelllebigkeit von Wissen wird auch eine Ausbildung, die nur drei Jahre dauert, am Markt sehr stark rezipiert“, ergänzt er.

Bedeutet das: Titelkultur adé?

Ob die Bologna-Reform damit auch Österreichs besondere Beziehung zu akademischen Titeln verändert hat? Zumindest teilweise, meint Ingrid Wadsack-Köchl. Die neuen akademischen Grade …read more

Source:: Kurier.at – Wirtschaft

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