Sag mir: Wie sicher macht die Neutralität?

Politik

Vor ziemlich genau einem Monat hielt Harald Vodosek im Hof der Maria-Theresien-Kaserne seine Antrittsrede als neuer Chef des Generalstabs. Und bei dieser Gelegenheit sagte der Generalleutnant und ranghöchste Offizier der Republik so einiges, was Zivilisten unter die Haut gehen muss. Es waren Sätze wie: „Der Krieg ist auf den Kontinent zurückgekehrt“; oder: „Die Neutralität ist kein Schutzschild“.

Für mehr als zwei Drittel der Österreicher gleichen derartige Sätze nachgerade einer Provokation. Denn wie eine Gallup-Umfrage im Sommer wieder festgestellt hat, betrachten satte 67 Prozent der Menschen die Neutralität als einen der wichtigsten Gründe für Sicherheit und Frieden in Europa.

Pikanterweise ist genau das unter Experten seit Langem nicht nur umstritten, nein: Es gilt als überholt. Denn spätestens seit Anfang der 1990er-Jahre, als der Warschauer Pakt zusammenbrach und sich die Militärarchive des Ostens für Wissenschafter öffneten, ist klar, dass Österreich im Falle eines Konfliktes zwischen Ost und West manches geholfen hätte – aber sicher nicht die selbst erklärte, immerwährende Neutralität.

Aufmarschpläne

Im Ernst- also Konfliktfall hätten nicht politische Verträge, sondern die Geografie entschieden, was passiert.

So hat beispielsweise die Armee der Tschechoslowakei schon in den 1960er-Jahren Aufmarschpläne entwickelt, um Truppen des Warschauer Paktes möglichst schnell durch Österreich in Richtung Süddeutschland oder Norditalien zu verbringen. Die Operationspläne waren derart konkret und plausibel, dass Österreichs Armee mit einer eigenen Strategie reagierte – der Spannocchi-Doktrin (siehe dazu auch Interview unten).

Dass die Republik Österreich neutral war bzw. ist, spielte während des Kalten Krieges eine untergeordnete Rolle. Zumindest gilt dies für die Operationspläne im Krisenfall.

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Und an diesem Umstand hat sich auch 2026 nichts geändert, mehr noch: Mittlerweile sind Sicherheitsexperten überzeugt, dass Österreich im Vergleich zum vergangenen Jahrhundert sogar veritable Nachteile zu erleiden hätte, würde man die Neutralität im Falle eines Konfliktes allzu strikt auslegen und beispielsweise nicht mit den EU- und NATO-Nachbarn kooperieren.

Luftangriffe

Der heimische Militärstratege Franz-Stefan Gady meint, die Neutralität mache Österreich nachweislich „unsicherer“. Wie argumentiert er das? „Im Unterschied zu den 1950er Jahren kann Russland Österreich heute aus der Luft sehr schnell und einfach angreifen – und man würde das im Worst Case wohl auch tun“, sagt Gady zum KURIER.

Das Warum wurde eingehend beschrieben: Österreich verfügt über leistungsfähige Straßen und Bahnverbindungen, die im Kriegsfall für die West-Ost-Bewegung von Truppen und Gerät entscheidend sind. Das berücksichtigend, würde beispielsweise Russland als Kriegspartei vermutlich Drohnen, Marschflugkörper und Raketen nutzen, um strategische Punkte im Land zu treffen.

Um derartige Waffen möglichst früh zu entdecken, tauscht Österreich in Friedenszeiten mit EU- und NATO-Partnern Radardaten aus. Gady: „Würden wir unsere Neutralität besonders eng auslegen, hätten wir diese Daten dann nicht. Und damit wären längere Reaktionszeiten und noch größere Gefahren verbunden.“

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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