Aichingers „Größere Hoffnung“ im Akademietheater: Wir brauchen eine neue Geschichte

Kultur

Es ist das alles natürlich in einem derart großen Ausmaß zum Verzweifeln, dass man auch nach so vielen Jahrzehnten immer noch nicht ein oder aus weiß. Dieser Täterhorror, diese Opfergeschichten, jede einzelne ein grauenvoller Skandal. Dazu noch, dass die gleichen Mechanismen in den Menschen, mit denen das alles eingeleitet wurde, nun wieder als bitterer Spuk am Horizont auftauchen.

Ilse Aichinger hat dem großen Verdrängen, das in die österreichische Bundeshymne aufgenommen gehörte, schon früh ein besonderes Werk entgegengesetzt: In „Die größere Hoffnung“ (1948) geht es, in einer Sprache, die die Realität auf wichtige Weise auflöst, um sieben Kinder mit den falschen Großeltern. Sie sind schon vor ihrer Ermordung fast verschwunden, spielen auf dem jüdischen Friedhof, weil sie nirgends anders mehr dürfen, wollen ein Kind vor dem Ertrinken retten, um wieder in die Gesellschaft zurückgelassen zu werden.

Im Akademietheater nun stehen neben einem starken Ensemble sieben Kinder als deren Alter Egos auf der Bühne. Und machen auf beklemmende Weise nachspürbar, was für eine niederträchtige Gemeinheit an den Kindern Kriege sind. Aber nicht alles an dem Abend gelang.

Am Schluss stehen nur noch die Schuhe da. Die Kinder haben sie ausgezogen und sind jetzt weg. Nur noch Ellen blieb, sie hat weniger falsche Großeltern als die anderen. Mit Theaterpomp und Bühnennebel („hust, hust“, macht es aus dem Publikum) fahren auch sieben Ziegelsäulen hoch, es bleibt die nackte Akademietheaterbühne. Wir brauchen eine neue Geschichte, sagt Ellen (Nina Siewert), eine, die wir noch nie gehört haben. Abgang, Schluss, Applaus.

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Regisseurin Therese Willstedt hatte sich in den 90 Minuten davor an ein heikles Unterfangen gewagt: Aichingers Prosa steht in einem filigranen Verhältnis zum Bild, zur Realität. Für sie sind die Kinder keine realen, sondern vom Abschied her gedacht, wie ein Textauszug im Programmbüchlein vermerkt, sie sind Kinder, die mit der Biografie der Autorin zu tun haben, ebenso wie Konstrukte, die über diese Biografie hinausgehen. So ließ Willstedt zu Recht viel von der Sprache stehen.

Aber auf der Bühne müssen Sprachbilder eben in echte Bilder übersetzt werden. Das nimmt ihnen jene innere Möglichkeitshaltung und Mittelbarkeit, die gerade bei Aichinger so viel ausmacht. Es transferiert diese in die Unmittelbarkeit: Dass die Schauspielerinnen und Schauspieler oftmals ihren kindlichen Pendants zuschauen (und umgekehrt) – beim Geburtstagfeiern ohne Torte, beim Singen im Dunklen und beim Theaterspielen, wenn ihre Abholung schon naht -, das berührt auf ganz direkte Weise. In diesem Übergang aber verliert der Abend viel von dem, was ihn besonders machen könnte.

Und die Präsenz der jungen Menschen macht die eh schon unlösbare Aufgabe fürs Ensemble, junge Menschen zu spielen, auch nicht einfacher. Itay Tiran ist, in kurzen Hosen, jenes Kind in der Gruppe, das der Welt mit innerem Zorn und Wutposen entgegentritt, und zugleich von seiner Chancenlosigkeit weiß. Maresie Riegner die viel lachende Bibi, deren Eltern darauf beharren, dass es nicht wahr ist, dass keiner von ihnen das überleben wird.

Enes Şahin spielt den Loser der Truppe, Hans Dieter Knebel den Ältesten, der Regisseur werden will und am Schluss noch davon träumt, ihre Todesfahrt zu inszenieren, Ines Marie Westernströer die Hanna, die den entscheidenden Schritt auf …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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