Der neue Regener: Alles so schön kaputt hier

Kultur

Westberlin, 1980, kurz vor Weihnachten. Demnächst wird’s schneien, so hat zumindest einer von ihnen einen Job. Schneeschaufeln. Was die anderen aus der WG machen? Nun, Freddie Lehmann war jetzt Testperson für Medikamente und sein kleiner Bruder Frankie holt ihn aus dem „Pillenprojekt“-Hotel ab. Blöderweise spinnt der alte Opel-Kadett und U-Bahnfahren ist dem psychisch labilen Freddie nicht zumutbar. Und dann ist da noch diese Tasche, die wiedergefunden werden muss, schließlich sind da Freddies Dokumente drin, er braucht sie für seinen angeblich bevorstehenden New-York-Trip.

In „Frankie und Freddie“, einer Art Vorgeschichte des Bestsellers „Herr Lehmann“, erzählt der Berliner Musiker und Autor Sven Regener die Geschichte von Frank und Manfred Lehmann, die am Weihnachtsvorabend durch ein liebenswert versifftes Berlin tingeln. Die handlungsarme Story lebt vom gewohnt schnoddrigen Ton und den schrulligen Figuren. Kapitel für Kapitel malt Regener berührend komische Porträts voll leisem Irrsinn. Ein Kleinod sind etwa Frankies Versuche, ein Medikament namens „Grippoflex“ zu kaufen. Wirkt angeblich wie Speed, weshalb sich die renitenten Apotheker weigern, einem Typen wie ihm das drogenähnliche „Zeug“ zu verkaufen. Hinreißend auch die Tankstellen-Begegnung mit dem sonderbaren Olli, der sich anbietet, dem alten Opel der Lehmanns eine neue Batterie einzubauen. Man fragt nicht viel in dieser Stadt, in der wohl einige „ein Rad abhaben“, was ihre Liebenswürdigkeit nicht schmälert. Bevor einem zu warm ums Herz wird: Regener, der wie seine Protagonisten, die Brüder Lehmann, aus Bremen stammt, kennt seine Wahlheimat Berlin zu gut, um sie romantisieren. Wer von anderswo käme, nähme Westberlin als „Abenteuerspielplatz“ wahr, wo „alles so schön kaputt“ sei. Diejenigen aber, die von hier stammten, die hätten miterlebt, wie die Stadt kaputtgegangen sei: Krieg, Mauerbau, der „ganze Scheiß“.

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Sven Regener singt hier, um mit Ludwig Hirsch zu sprechen, dunkelgraue, zugleich zärtliche Lieder über seine Wahlheimat und über die Brüder Lehmann, die leise streiten und einander vorwerfen, wie ihre Mutter zu klingen: „Der ganze Westberlinscheiß“ sei „total kaputt“. Trotzdem, morgen ist Weihnachten.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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